Sensorische Intensität im Arbeitsleben

Viele hochsensible und hochbegabte Menschen sind einer Doppelbelastung ausgesetzt: Sie erleben nicht nur den „normalen“ Stress, den der Berufsalltag bei vielen mitbringt, sondern sind durch ihre erhöhte Reizaufnahme ständig gefordert.

Während vielen Menschen das Arbeiten in Gemeinschafts- und Großraumbüros nicht viel ausmacht, ja sogar positive Seiten mitbringt, da die Wege nun kürzer und sie mit ihren Kollegen vernetzter sind, ist dies für viele Hochsensitive ein Graus. Die ständige Geräuschkulisse können sie kaum ausblenden. Ob Kundentelefonate der Kollegen, das Rauschen der Computerlüftungen, der Drucker, interne Gespräche – nichts entgeht den feinen Sinnen der Hochsensitiven.

Hinzu kommen die weiteren Sensitivitäten, die ihre Kollegen möglicherweise nicht so intensiv erleben wie sie selbst. Möglicherweise sind sie die einzigen, die sich an der Neonbeleuchtung stören, da die anderen das subtile Flackern der Lampen gar nicht wahrnehmen. Oftmals ist die Lichtempfindlichkeit derart stark ausgeprägt, dass durch die Bildschirmarbeit schon nach kurzer Zeit Kopfschmerzen entstehen, sodass es Betroffenen gar nicht möglich ist, so den gesamten Arbeitstag durchzustehen.

Durch ihre Temperarurempfindlichkeit reagieren viele sehr sensibel auf Zugluft – oder wahlweise die trockene Heizungsluft. Da mit Kollegen auf einen Nenner zu kommen, ist für viele sehr schwierig.

Hochsensitive Menschen als Seismographen der Gesellschaft

Hochsensitive Menschen sind, wie meine liebe Kollegin Eliane Reichardt es ausdrückt,  die Seismographen der Gesellschaft. Sie bemerken ungünstige Umstände, weit bevor weniger sensible Zeitgenossen darauf aufmerksam werden. Nur weil andere mögliche Störfaktoren nicht bemerken, bedeutet dies nicht, dass sie darauf nicht reagieren – meistens ist es ihnen nur gar nicht bewusst.

Hochsensitivität beruht auf einer erhöhten Durchlässigkeit des Thalamus. Der Thalamus hat die Funktion eines Moderators, der die ankommenden Reize aus der Umwelt filtert und damit entschieden wird, welche Informationen an die Großhirnrinde weitergeleitet und damit bewusst werden. Daher wird der Thalamus auch als „Tor zum Bewusstsein“ betitelt.

Wie gesagt: Wir alle sind diesen Reizen ausgesetzt. Nur manchen ist es bewusst, anderen nicht. Daher ist es im Interesse der Gemeinschaft, den Hochsensitiven in seiner Wahrnehmung ernst zu nehmen und Verbesserungsvorschläge umzusetzen. Zumindest in der Theorie.

In unserer Kultur stehen leider andere Werte an oberster Stelle der Wertehierarchie: Durchsetzungsvermögen, Unerschütterlichkeit und ein Hang zur Extraversion werden als erstrebenswert erachtet. Etwas reizoffenere Menschen bekommen dann schnell den Stempel „Mimose“ aufgedrückt. Daher ist es in den meisten Fällen auch ungünstig, die eigene Hochsensitivität zu erwähnen.

Nichtsdestotrotz lohnt es sich oftmals, subtil zu forschen, ob sich vielleicht noch jemand gestört fühlt. Häufig kann dann eine Verbesserung erzielt werden, wenn der Umstand

1. mehrere Kollegen betrifft und
2. die Veränderung eine allgemeine Effizienzsteigerung zur Folge hat (hier lohnt es sich, gute Argumente bereitzulegen).

Verantwortung für die eigenen Bedürfnisse übernehmen

Grundsätzlich empfehle ich immer, möglichst viel über die eigene Sensitivität und Begabung herauszufinden, damit mit dem nötigen Selbstbewusstsein für die eigenen Bedürfnisse eingestanden werden kann.

Viele Hochsensitive (gerade die frisch erkannten) neigen zu einer anklagenden Haltung, da sie sich aufgrund ihrer Schwierigkeiten, welche die Sensitivität in unserem Kulturkreis mitbringt, ungerecht behandelt fühlen. Häufig wird dieses Gefühl noch durch das ausgeprägte Gerechtigkeitsempfinden intensiviert. Das ist auch absolut verständlich – unter hochsensitiven Menschen. Es zeigt sich, dass nicht-hochsensitive Menschen von dieser Haltung überfordert, mitunter sogar überrumpelt sind. Die Dynamik der Arbeitsbedingungen hat sich über viele Jahrzehnte so entwickelt, wie sie heute ist. Wir können unsere Anklage nicht gegen nicht-hochsensitive Menschen richten – sie können auch nichts dafür.

Stattdessen steigt die Erfolgsquote, wenn wir ein kooperatives Miteinander anstreben. Verantwortung für unsere Bedürfnisse übernehmen, Verständnis unseren Mitmenschen entgegenbringen.

Hilfsmittel bei Licht- und Lärmempfindlichkeit

Kleine Veränderungen können auch durch Hilfsmittel erzielt werden. Beispielsweise kann die Bildschirmarbeit durch eine Blaufilterbrille erträglicher werden. Diese gibt es entweder fast durchsichtig, sodass man kaum einen Unterschied zur normalen Brille feststellen kann, oder auch intensiv gelborange eingefärbt. Letztere hat den Vorteil, dass sie Kontrast und Helligkeit dämpft und damit zusätzlich für
Entspannung sorgt.

Dieser Punkt ist besonders wichtig, falls der Monitor ein PWM-Flimmern aufweist. Die sogenannte Pulsweitenmodulation kann für Kopfschmerzen, Augenbrennen, Schwindel und Übelkeit sorgen. Eingesetzt wird diese Technik von vielen Herstellern für Computermonitore, um die Helligkeit zu regulieren.
Wird die Helligkeit beispielsweise auf 70 % gestellt, stellt das Signal 70 % der Zeit den Bildschirm an und 30 % der Zeit aus. Dieser Effekt geschieht in einer schnellen Abfolge, die in Hertz (Hz) gemessen wird. Je schneller diese Abfolge, umso weniger können wir die Aus-Phasen wahrnehmen. Ist die Frequenz jedoch zu niedrig, erfolgt mit jedem Blinken ein Zusammenziehen und Weiten der Pupillen.

Hochsensitive Menschen scheinen darauf stärker zu reagieren und kämpfen eher mit den Auswirkungen. Abhilfe kann entweder ein Display liefern, das auf PWM verzichtet, oder die Helligkeit wird dauerhaft auf 100 % gestellt, da der Bildschirm so keine Ausfallzeiten hat. Da das vielen hochsensitiven Menschen jedoch zu hell ist und blendet, kommt hier perfekt die getönte Blaufilterbrille zum Einsatz. Wenn man auf den Style der frühen 2000er Jahre steht, sieht sie auch schon fast wieder cool aus.

Gegen die Lärmbelästigung können Noise-Cancelling-Kopfhörer helfen. Bei entsprechender Darlegung guter Gründe (insbesondere der Effizienzsteigerung) kann es sogar sein, dass der Arbeitgeber die Kosten übernimmt. Oft reicht aber schon ein klassisches Headset, um die Geräuschkulisse ein wenig zu dämpfen.

Fazit

Allgemein lässt sich zusammenfassen: Es gibt noch viel zutun. Die wenigsten Arbeitgeber sind umfassend über die Stärken und Schwächen hochsensitiver Menschen aufgeklärt. Viele schätzen zwar die positiven Eigenschaften, wie die schnelle und gründliche Arbeitsweise, doch von dem Gesamtkomplex „hochsensitiver Mensch“ wissen sie bislang noch zu wenig. Hier hilft nur gezielte Aufklärungsarbeit und das vorwurfslose, aber bestimmte Einstehen für die eigenen Bedürfnisse.