Eine der am häufigsten vorkommenden Synästhesien ist die sogenannte Farb-Graphem-Synästhesie. Damit ist gemeint: Bestimmte Buchstaben oder Zahlen sind für manche Menschen automatisch mit einer bestimmten Farbe verbunden. Sobald sie ein Schriftzeichen sehen, oder manchmal sogar nur daran denken, taucht wie von selbst ein Farbeindruck dazu auf. So kann zum Beispiel die Zahl 6 für jemanden immer orange sein oder der Buchstabe D immer braun. Das passiert nicht, weil die Person sich das aktiv ausdenkt, sondern weil ihr Gehirn diese Verbindung ganz selbstverständlich herstellt.
Diese Zuordnungen sind sehr individuell. Es gibt kein richtiges Farbalphabet. Zwei Menschen mit Farb-Graphem-Synästhesie können denselben Buchstaben völlig unterschiedlich erleben und trotzdem ist es für beide stimmig. Erkennungsmerkmal einer Synästhesie kann dabei auch sein, dass bei einer Farbzuordnung, die nicht der eigenen entspricht, ein Gefühl von Irritation, über Unwohlsein bis hin zu Ekel entstehen kann. Wenn mir jemand sagt, dass der Buchstabe A rot sei, schüttelt es mich innerlich. Das A ist dunkelblau. Ist doch völlig klar. Die eigene Wahrnehmung wird dabei geradezu als Fakt erlebt.
Oft berichten Betroffene auch, dass sie lange gar nicht wussten, dass andere Menschen das nicht haben. Gerade als Kind wirkt es einfach normal, dass Buchstaben eben Farben haben. Erst später wird dann klar, dass das nicht bei allen so ist. Meine eigene Erkenntnis kam auch erst im Erwachsenenleben, wobei ich mich gut daran erinnern kann, wie ich als Zweitklässlerin mit meiner Mutter darüber diskutierte, wie man sich die Zahlen gut merken kann. In meinem Fall: Über die Farben, ist doch logisch.
Die Farb-Graphem-Synästhesie als Superkraft …oder doch nicht?
Studien zeigen, dass Farb-Graphem-Synästheten erhöhte Gedächtnisleistungen zeigen und insbesondere oft ein überlegenes Erinnerungsvermögen für schriftliche und farbige Inhalte haben. Offenbar verhilft die automatische Farbverknüpfung zu einem zusätzlichen Gedächtnisanker – nachhaltig. Farb-Graphem-Synästheten behielten visuell präsentierte Informationen auch über ein Jahr hinweg zuverlässiger.
Für mich persönlich war die Farb-Graphem-Synästhesie immer ein Geschenk. Ich habe Mathe geliebt, für mich war es ein bunter Tanz mit den Zahlen, ich fühlte mich im Flow. Eine logische, gut geordnete Welt. Tatsächlich ist gut untersucht, dass sich Farb-Graphem-Synästheten besonders gut Zahlen merken kann. Noch heute kenne ich die Geburtstage meiner Klassenkameraden in der Grundschulzeit auswendig, sowie auch diverse Telefonnummern…
Doch nicht immer ist diese Form der Synästhesie hilfreich, um in einem bestehenden System gut zurechtzukommen. Meine geschätzte Kollegin und Freundin, die Synästhesieexpertin Dr. Jasmin Sinha berichtet, was passiert, wenn die Logik der Farben die Logik der Zahlen übertrifft: Wenn sie 8+8 rechnet, also zweimal Nachtblau, kann am Ende keine Zahl herauskommen, die vorne schneeweiß und hinten kaffeebraun ist. Das entsprechende Video dazu ist hier verlinkt *klick*.
Weitere Schwierigkeiten können sich dadurch ergeben, wenn seitens der Schule andere Farbsysteme vorgegeben werden. Sowohl für Buchstaben, aber manchmal reicht es auch aus, dass für bestimmte Fächer farbige Mäppchen vorgegeben werden. In meiner Schulzeit hat es mich oft eine Extraportion Konzentration gekostet, morgens die vorgegebene blaue Mappe für den Deutschunterricht einzupacken, obwohl der Begriff „Deutsch“ für mich so unmissverständlich orange-ockerfarben ist. Und für Mathe einen gelben Ordner zu nehmen, hat mir geradezu Gänsehaut beschert.
Falls ein Kind also immer wieder die falsche Mappe einpackt, darf statt nur an ADHS auch an eine Farb-Graphem-Synästhesie gedacht werden. Mit einer Häufigkeit von etwa 2 % in der Bevölkerung, ist sie gar nicht so viel seltener wie ADHS (etwa 5 %). Ebenso bei Lese-, Rechtschreib- und Rechenschwächen darf einmal näher nachgefragt werden.
Neurobiologische Grundlage
Die Synästhesie ist dabei keine Einbildung, sondern tatsächlich real und messbar. Studien haben gezeigt, dass bei Farb-Graphem-Synästhet:innen beim Betrachten von Buchstaben und Ziffern jene Farbareale aktiv werden, die für die Farbverarbeitung zuständig sind. Zudem erfolgt die farbliche Zusatzwahrnehmung sehr schnell, ebenso schnell wie das Erkennen des Buchstabens oder der Ziffer selbst. Das ist ein wichtiger Befund, denn er zeigt, dass die Farbwahrnehmung nicht erst später aus der Vorstellung heraus entsteht. Bei Synästhet:innen sind die Gehirne tatsächlich anders verdrahtet.
Warum das so ist, versuchen zwei neurologische Modelle zu erklären: Die Cross-Activation-Theory geht davon aus, dass in den zuständigen Hirnregionen zusätzliche Querverbindungen bestehen, die andere Menschen so nicht haben. Häufig wird berichtet, dass alle Babys Synästhet:innen seien und diese Verbindungen sich bei den meisten Menschen erst im Laufe der Hirnreifung abbauen. Die Farb-Graphem-Synästhesie entsteht allerdings erst später, wenn Buchstaben und Ziffern gelernt werden. In dem Sinne kann man es dann vielleicht so sagen: Es bestand eine erhöhte Bereitschaft des synästhetischen Gehirns, bei dem Erlernen bestimmter Auslöser eine zusätzliche Verknüpfung zu schaffen. Diese Verbindungen bleiben dann über das gesamte Leben hinweg extrem stabil.
Das andere Modell, die Disinhebition-Feedback-Theorie geht von einer ungenügenden Hemmung Signale aus. Vereinfacht gesagt: Auch in nicht-synästhetischen Gehirnen gibt es viele Verbindungen zwischen verschiedenen Bereichen. Das Gehirn ist kein System aus streng getrennten Schubladen, sondern ein Netzwerk. Normalerweise sorgt es aber dafür, dass nicht alles gleichzeitig mitläuft. Es filtert, dämpft und sortiert, damit am Ende eine klare Wahrnehmung entsteht.
Bei der Disinhibited-Feedback-Idee ist der Gedanke, dass die Verbindungen eigentlich da sind, aber bei Synästhet:innen ist die Bremse etwas lockerer. Wenn dann ein Buchstabe erkannt wird, kann diese Information leichter in andere Bereiche fließen. Die Farbe wäre dann nicht primär das Ergebnis einer zusätzlichen Leitung, sondern eher das Ergebnis davon, dass ein ohnehin vorhandener Rückkopplungsweg stärker durchkommt.
Beide Modelle schließen sich nicht aus. Es kann gut sein, dass bei manchen Menschen eher die direkte Leitung stärker ist, und bei anderen eher die Bremse etwas weniger stark wirkt. Das würde auch dazu passen, dass es bei der Farb-Graphem-Synästhesie unterschiedliche Erlebnisweisen gibt.
Manche Synästhet:innen erleben die Farben fast so, als lägen sie direkt auf den Buchstaben (projektiv). Andere erleben die Farben eher wie eine sehr klare innere Gewissheit oder Vorstellung. Entweder wird die Farbe vor dem inneren Auge gesehen, oder gefühlt (assoziativ). Das ist so, wie: „Ich weiß, dass die Sieben violett ist, aber ich sehe es nicht direkt.“. Der harte Test kommt dann, wenn eine orangefarbene Sieben präsentiert wird. Wird dann an der inneren Gewissheit gerüttelt und es entsteht eine Irritation, könnte eine Synästhesie vorliegen. Alles sind echte Formen derselben Synästhesie. Es ist eher ein Spektrum als eine harte Einteilung.
Diese Unterschiede passen erstaunlich gut zu den zwei Erklärungsrichtungen. Wenn die Kopplung sehr direkt und früh in der Verarbeitung passiert, kommt es eher zu der projizierten Wahrnehmung. Wenn die Farbe eher über Rückmeldeschleifen und über höhere Verarbeitungsstufen ins Spiel kommt, kann sie sich eher innerlich anfühlen, wie auf einem inneren Monitor oder eben als gefühlte Gewissheit.
Damit stellt sich fast automatisch die nächste Frage: Wenn Synästhesie so stabil ist und so früh in der Verarbeitung passiert, wie kommt es dann, dass manche Menschen sich synästhesieähnliche Verknüpfungen zumindest teilweise antrainieren können? Genau das schauen wir uns im nächsten Abschnitt an.
Ist Synästhesie trainierbar?
Eine spannende Frage lautet, ob Synästhesie angeboren fix ist oder ob man sie gezielt erwerben bzw. verstärken kann. In den letzten 15 Jahren haben mehrere Experimente versucht, Nicht-Synästhetikern synästhesieartige Reaktionen anzutrainieren. Das hat teilweise sogar funktioniert! Die Probanden der Studie gaben nach wochenlangem Training an, dass sie in Folge auf schwarze Buchstaben tatsächlich farbige Nachbilder sahen. Gleichzeitig wiesen sie messbare Stroop-Interferenzen auf, was auf eine echte, unwillkürliche Farbkonkurrenz hindeutet (beim Stroop-Test wird gemessen, ob Menschen langsamer reagieren oder mehr Fehler machen, wenn ein Buchstabe oder eine Zahl in einer Farbe gezeigt wird, die nicht zur inneren synästhetischen Farbe passt, weil sich beide Farbinformationen im Gehirn gegenseitig in die Quere kommen. Im Jahr 2015 nahm ich selbst am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf an einer solchen Studie zum Thema Farb-Graphem-Synästhesie teil. Dort wurden auch die Stroop-Interferenzen getestet, was wie ich fand, sehr spannend war). Allerdings verschwanden diese Effekte oft nach einiger Zeit ohne weiteres Training wieder, was darauf hindeutet, dass das Gehirn die neuen Verknüpfungen nur kurzfristig zuließ. Bei „echten“ Synästhet:innen sind die Verknüpfungen jedoch dauerhaft und stabil.
Sind die Farben trotzdem erlernt?
Bei vielen Farb-Graphem-Synästhet:innen haben nur einige Buchstaben Farben und andere sind farblos oder diffus. Es müssen auch nicht alle unterschiedliche Farben haben und nicht immer sind Farben „logisch“. Man könnte ja davon ausgehen, dass sich jene Farben eingeprägt haben, die beim ersten Lernen der Buchstaben genutzt wurden. Zum Beispiel gibt es doch diese magnetischen Buchstaben, ein Lernspielzeug bereits für sehr junge Kinder. Tatsächlich zeigen sich kulturelle Häufungen. Im Englischen ist der Buchstabe A überzufallig oft rot. Sozu ich nur sagen kann: Igitt, das A ist doch nicht rot ;-). Allgemein sind meine Buchstaben häufig dunkel und es sind viele verschiedene Brauntöne enthalten. In diesen Farben wird gewöhnlich kein Kinderspielzeug verkauft.
Wie ist es bei dir?
Bist du Farb-Graphem-Synästhet:in? Welche Farbe hat dein A? Und welche dein Y und die 7? 🙂
