Krise als Chance: Die Theory of Positive Disintegration

Können Selbstzweifel, innere Unruhe, Ängste und Depressionen auch ein Entwicklungspotenzial bergen? Eine Frage, die gerade für hochsensible und hochbegabte Menschen von großer Relevanz ist. In einer Welt, die oft auf Anpassung, Funktionieren und Geschwindigkeit ausgerichtet ist, geraten innere Spannungen schnell unter Verdacht. Sie werden dann vor allem als Störung, Defizit oder Schwäche betrachtet. Wer intensiv fühlt, tief denkt, stark zweifelt oder an inneren Widersprüchen leidet, erlebt schnell, dass sein Erleben pathologisiert oder zumindest als unnötig kompliziert eingeordnet wird.
Die Theory of Positive Disintegration, kurz TPD, eröffnet hier eine andere Perspektive. Sie wirft einen Blick auf die potenziell konstruktive Natur von inneren Konflikten und emotionalen Turbulenzen und zeigt, dass Krisen unter bestimmten Bedingungen nicht nur zerstören, sondern auch Entwicklung anstoßen können. Nicht, weil Leiden an sich etwas Gutes wäre. Sondern weil es Menschen manchmal gerade durch Krisen gelingt, sich von unbewusst übernommenen Mustern zu lösen und bewusster zu werden.
Die 1964 veröffentlichte TPD wurde vom polnischen Arzt, Psychiater, Psychologen und Philosophen Kazimierz Dabrowski entwickelt. Seine Arbeit wurde stark von den sozialen und politischen Umständen seiner Zeit beeinflusst, insbesondere von den Auswirkungen der beiden Weltkriege und den Entwicklungen in Psychologie und Philosophie. Dabrowski war unzufrieden mit vielen psychologischen Modellen seiner Zeit, weil sie seiner Ansicht nach die Vielschichtigkeit und Dynamik der menschlichen Persönlichkeit nicht angemessen erklären konnten. Er suchte nach einem umfassenderen Modell, das innere Konflikte und Krisen nicht nur als pathologisch, sondern auch als entwicklungsrelevant begreift.
Zentral für Dabrowskis Theorie sind die fünf Stufen der Persönlichkeitsentwicklung. Sie beschreiben eine mögliche Entwicklung von einer stärker unbewussten, durch äußere Einflüsse geformten Lebensweise hin zu mehr innerer Freiheit, Gewissensgeleitetheit und bewusster Persönlichkeit. Während die TPD allgemein nicht besonders bekannt ist, findet sie in der Hochbegabtenförderung und im Umfeld von Intensität, Overexcitabilities und Entwicklungspotenzial bis heute besondere Beachtung. Gerade Menschen, die sehr tief empfinden, sehr intensiv denken oder unter moralischen und existenziellen Spannungen leiden, erleben die Theorie oft als entlastend. Sie fühlen sich in ihr nicht pathologisiert, sondern in ihrer inneren Komplexität ernst genommen.
Denn genau das ist eine der großen Stärken von Dabrowski. Er betrachtet die menschliche Entwicklung nicht nur unter dem Gesichtspunkt von Anpassung, Leistung und Symptomfreiheit, sondern fragt danach, ob ein Mensch wirklich zu sich selbst findet, ob er sich aus bloß übernommenen Normen lösen kann und ob er beginnt, bewusster, freier und moralisch reifer zu leben.
Individualität vs. Persönlichkeit
Wir alle sind durch zahlreiche Faktoren in unserem Leben geprägt worden. Dabei spielen sowohl unsere genetische Ausstattung als auch unsere Umweltfaktoren eine tragende Rolle. Wir definieren unsere Persönlichkeit danach, wie wir und andere sie im Kontext unserer Umwelt erfahren. Wir verinnerlichen, was uns über uns gesagt wird und erleben unsere Persönlichkeit dahingehend, wie wir uns verhalten.
Doch genau hier machte Dabrowski einen wichtigen Unterschied. Dieses teilweise unbewusst angelernte Denken, Fühlen und Verhalten sah er noch nicht als Persönlichkeit im eigentlichen Sinne. Für ihn war das zunächst eher Ausdruck von Individualität. Also von dem, was in einem Menschen an Anlage, Temperament, Gewohnheiten und Prägungen vorhanden ist. Individualität beschreibt damit eher, wie ein Mensch geworden ist. Persönlichkeit dagegen beschreibt, wer ein Mensch im tieferen Sinne werden kann.
Persönlichkeit war für Dabrowski nicht einfach von Anfang an fertig vorhanden. Sie ist in seinem Modell etwas, das sich entwickeln kann. Ein Mensch kann sozial angepasst, erfolgreich oder unauffällig sein und dennoch noch nicht in Dabrowskis Sinne eine reife Persönlichkeit ausgebildet haben. Umgekehrt kann ein Mensch mitten in einer Krise stecken und gerade deshalb in einen tieferen Entwicklungsprozess eintreten.
Für Dabrowski war Persönlichkeit kein statisches Konstrukt, sondern ein sich entwickelndes System, das durch Konflikte, Erfahrungen und die Auseinandersetzung mit den Herausforderungen des Lebens geformt wird. Positive Disintegration ist der Prozess, durch den eine Person ihre bestehenden inneren Strukturen infrage stellt, konfliktreiche Erfahrungen durchlebt und eine höhere Ebene der Selbstwahrnehmung und moralischen Sensibilität erreichen kann.
Gerade das macht die Theorie für viele Menschen so bedeutsam. Sie nimmt ernst, dass äußere Angepasstheit nicht automatisch innere Reife bedeutet. Und sie erlaubt umgekehrt die Vorstellung, dass innere Unruhe, Selbstzweifel und Krise nicht bloß Ausdruck von Störung sein müssen, sondern auch Ausdruck eines Ringens um Wahrhaftigkeit und innere Ordnung sein können.
Positive Disintegration = Positiver Zerfall
Der Name der TPD ist nicht zufällig gewählt. Im Titel stecken bereits zentrale Informationen über den Hergang der Persönlichkeitsentwicklung.
Disintegration steht für den Zerfall einer bisherigen inneren Ordnung. Alte Gewissheiten, Rollen, Anpassungen und unreflektierte Identifikationen beginnen zu bröckeln. Das kann schmerzhaft, chaotisch und zutiefst verunsichernd sein. Eine Person erlebt dann womöglich starke Spannungen zwischen automatischen Impulsen, äußeren Erwartungen, moralischen Ansprüchen und dem Gefühl, dass das gelebte Leben noch nicht mit dem übereinstimmt, was innerlich als wahr oder richtig erlebt wird.
Ein Beispiel kann helfen, den Gedanken greifbarer zu machen. Die deutsche Ärztin und Autorin Johanna Haarer formulierte Erziehungsratgeber, die eng mit der nationalsozialistischen Ideologie verbunden waren. Ihr erstes Buch Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind wurde nach dem Ende des Dritten Reiches zwar von NS-Terminologie bereinigt, prägte aber dennoch noch lange die Erziehungskultur im deutschsprachigen Raum. Ihre Ansichten galten für viele Menschen über längere Zeit als vernünftig und richtig. Dabei beinhalteten sie eine sehr autoritäre Haltung gegenüber Kindern. Gehorsam, Härte und Distanz galten als Tugenden. Emotionale Bedürfnisse wurden abgewertet. Stillen sollte lediglich der Nahrungsaufnahme dienen, nicht der Beruhigung oder Bindung. Mutter und Kind sollten früh getrennt werden, um angeblich keine ungesunde Abhängigkeit entstehen zu lassen.
Heute wirkt das auf viele Menschen erschreckend. Aus heutiger Sicht wissen wir deutlich besser, wie grundlegend Bindung, Feinfühligkeit und Sicherheit für die Entwicklung eines Kindes sind. Wenn wir jedoch gedanklich in die damalige Zeit zurückgehen, wird ein wichtiger Punkt sichtbar. Eltern handelten oft nach bestem Wissen und Gewissen im Rahmen dessen, was ihnen als gut und richtig verkauft wurde. Nachbarn, Verwandte und Autoritäten vertraten ähnliche Überzeugungen. Die gesellschaftliche Norm wurde mit moralischer Wahrheit verwechselt und nicht jeder hätte das durchschaut. Wie hättest du damals gehandelt?
Genau hier wird ein zentraler Punkt von Dabrowski sichtbar. Auf frühen Entwicklungsstufen richtet sich das moralische Empfinden stark nach äußeren Normen und Konventionen. Die Tatsache, dass etwas gesellschaftlich akzeptiert ist, wird dann mit moralischer Richtigkeit verwechselt.
Positive Disintegration beginnt dort, wo ein Mensch nicht mehr einfach übernimmt, was in seinem Umfeld als normal gilt, sondern innerlich zu ringen beginnt. Wo er merkt, dass etwas vielleicht legal, üblich oder weit verbreitet sein mag, aber dennoch nicht seinem Gewissen, seiner Menschlichkeit oder seinen tieferen Werten entspricht.
Positiv ist die Disintegration allerdings nicht deshalb, weil sich der Zerfall angenehm anfühlt. Positiv ist er nur dann, wenn aus diesem Zerfall tatsächlich etwas Reiferes entstehen kann. Wenn ein Mensch beginnt, bewusster zu wählen, klarer zu unterscheiden und sich stärker an inneren Werten als an bloßer Anpassung auszurichten, dann kann aus Krise Entwicklung werden.
Wichtig ist dabei: Nicht jede Disintegration verläuft positiv. Manche Krisen destabilisieren so sehr, dass Menschen zunächst vor allem Halt, Schutz, Begleitung und Beruhigung brauchen. Die Theorie ist kein romantisches Versprechen, dass Leiden automatisch veredelt. Sie beschreibt eine Möglichkeit, keinen Automatismus.
Wir sind nicht nur auf einer Stufe
Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass Menschen nicht einfach nur sauber auf einer einzigen Stufe existieren. Die TPD ist ein Modell. Modelle helfen dabei, komplexe Realitäten verständlicher zu machen. Sie dürfen aber nicht mit der Wirklichkeit selbst verwechselt werden.
Ein Mensch kann in einem Lebensbereich sehr reflektiert und autonom sein, in einem anderen Bereich aber noch stark von äußerer Bestätigung oder Angst gesteuert werden. Jemand kann moralisch sehr differenziert denken und gleichzeitig in nahen Beziehungen in alte Muster von Anpassung, Scham oder Abwehr zurückfallen. Auch Krisen verlaufen selten linear. Es gibt Fortschritte, Rückschritte, Übergänge und Mischformen.
Die Stufen sind deshalb am sinnvollsten als Orientierung zu verstehen. Sie zeigen typische Organisationsformen des inneren Lebens. Sie helfen dabei, Entwicklungsbewegungen besser zu beschreiben. Aber sie sind kein starres Etikettensystem, mit dem man Menschen endgültig festschreibt.
Gerade diese Flexibilität ist wichtig, damit die Theorie nicht moralistisch oder dogmatisch gelesen wird. Es geht nicht darum, Menschen abschließend einzusortieren. Es geht darum, ihre innere Entwicklung verständlicher zu machen und Sprache für Prozesse zu finden, die viele Menschen bereits aus eigener Erfahrung kennen.
Einflüsse auf die Persönlichkeitsentwicklung
Dabrowski beschrieb drei Haupteinflüsse, die bestimmen, wie sich Persönlichkeit entwickeln kann.
First Factor
Der erste Faktor betrifft die biologischen und konstitutionellen Voraussetzungen eines Menschen. In der Dabrowski-Tradition werden hier vor allem die Overexcitabilities genannt. Gemeint sind damit gesteigerte Intensitäten des Erlebens und Reagierens. Menschen mit Overexcitabilities reagieren oft stärker auf äußere Reize, auf Emotionen, auf innere Bilder, auf Ideen, Ungerechtigkeit oder Spannungen in ihrer Umwelt.
In der Rezeption von Dabrowski wird häufig betont, dass vor allem drei der fünf Overexcitabilities für Persönlichkeitsentwicklung besonders bedeutsam sein können.
Die emotionale Overexcitability ist wichtig, weil sie Mitgefühl, Tiefe des Fühlens und moralische Betroffenheit ermöglicht. Ohne emotionale Resonanz gäbe es kaum einen Antrieb, sich ernsthaft mit Gut und Böse, mit Leid, Verantwortung oder Gewissen auseinanderzusetzen. Menschen mit emotionaler OE erleben Gefühle oft nicht nur stärker, sondern differenzierter. Sie spüren feine Zwischentöne, reagieren intensiver auf Ungerechtigkeit und leiden oft stärker an Beziehungskonflikten oder moralischen Spannungen.
Die intellektuelle Overexcitability ist bedeutsam, weil sie mit Neugier, Komplexitätsfreude, Reflexionsvermögen und dem Drang verbunden ist, Zusammenhänge tiefer zu verstehen. Sie hilft dabei, die oft enormen Herausforderungen des persönlichen Wachstums überhaupt kognitiv zu durchdringen. Menschen mit intellektueller OE wollen nicht nur wissen, dass etwas so ist, sondern auch warum. Sie fragen weiter, denken tiefer und geben sich mit einfachen Antworten selten zufrieden.
Die imaginative Overexcitability ist schließlich deshalb zentral, weil sie Vorstellungskraft ermöglicht. Sie lässt Menschen innerlich Bilder davon erschaffen, wie etwas sein könnte. Genau dieses Wissen darüber, wie es sein könnte, dieser Idealismus, erzeugt oft die Spannungen, die später zu Entwicklung drängen können. Wer sich sehr lebendig vorstellen kann, wie Beziehung, Gesellschaft, Arbeit oder das eigene Leben sein könnten, leidet häufig besonders stark an der Differenz zur Realität.
Wichtig ist mir an dieser Stelle eine saubere Einordnung. Overexcitabilities sind nicht dasselbe wie Hochbegabung. Und sie sind auch nicht dasselbe wie Hochsensibilität. Es gibt Überschneidungen, und in der Praxis begegnen sich diese Merkmale durchaus häufig. Trotzdem handelt es sich um unterschiedliche Konzepte, die nicht einfach gleichgesetzt werden sollten.
Gerade in populären Darstellungen verschwimmt das manchmal. Ich halte es für sinnvoller, von Überschneidungen und gegenseitigen Verstärkungen zu sprechen. Hochbegabte Menschen können Overexcitabilities zeigen, müssen es aber nicht. Hochsensible Menschen können intensiv reagieren, ohne dieselbe Konstellation zu haben. Und auch nicht jede hohe Intensität führt automatisch zu Entwicklung.
Second Factor
Der zweite Faktor bezieht sich auf die Umwelt. Dazu gehören familiäre, soziale, kulturelle und bildungsbezogene Einflüsse, die die Persönlichkeitsentwicklung mitformen. Die Umwelt kann Entwicklung fördern oder hemmen. Sie kann Potenzial unterstützen oder einengen. Sie kann zu innerer Reifung beitragen oder sie erschweren.
Ein Mensch mit viel innerem Entwicklungspotenzial entfaltet dieses nicht im luftleeren Raum. Gerade hochsensible und hochbegabte Menschen erleben oft, wie stark die Qualität ihres Umfeldes darüber mitentscheidet, ob ihre Intensität als Ressource oder als Belastung erlebt wird. Wer früh gespiegelt bekommt, zu viel zu sein, zu kompliziert zu sein oder nicht richtig zu passen, entwickelt nicht automatisch mehr Reife. Häufig entstehen zunächst Scham, Verwirrung, Einsamkeit oder Anpassungsdruck.
Positive Umwelteinflüsse können dazu beitragen, dass Menschen ihre Potenziale entfalten und persönliche Ziele erreichen, während hemmende Umwelteinflüsse ihre Entwicklung beeinträchtigen können. Dabrowski ging davon aus, dass dieser zweite Faktor auf allen Stufen bedeutsam ist, besonders aber auf den ersten beiden. Ab der dritten Stufe nimmt seine unmittelbare Steuerungskraft tendenziell ab, weil die Person stärker beginnt, sich an einer eigenen inneren Wertehierarchie auszurichten.
Third Factor
Der dritte Faktor ist für Dabrowski der eigentliche Motor der freien Persönlichkeitsentwicklung. Er bezeichnet die wachsende Fähigkeit eines Menschen, sich nicht einfach von Instinkten, Gewohnheiten, Ängsten oder äußeren Normen treiben zu lassen, sondern bewusst Stellung zu beziehen.
Hier beginnt jemand, sein eigenes Innenleben zu prüfen. Er fragt nicht mehr nur, was bequem, anerkannt oder üblich ist, sondern was innerlich wahr, richtig und stimmig ist. Der dritte Faktor zeigt sich darin, dass ein Mensch sich zunehmend an einem selbst gewählten Persönlichkeitsideal orientiert. Er entwickelt moralische und ethische Prinzipien, die sein Handeln leiten. Dadurch gewinnt er immer mehr innere Autonomie.
Diese Art von Entwicklung ist keine bloß intellektuelle Angelegenheit. Sie ist zutiefst existenziell. Sie betrifft Denken, Fühlen, Handeln und Gewissen. Und sie erklärt, warum die TPD so viele Menschen berührt, die sich nach einem stimmigen, werteorientierten Leben sehnen.
Die Level der Persönlichkeitsentwicklung nach Dabrowski
„Damit die Welt friedlich wird, müssen die Menschen friedlicher werden. Unter reifen Menschen wäre Krieg kein Problem – er wäre unmöglich. In ihrer Unreife wollen die Menschen gleichzeitig Frieden und die Dinge, die zu Krieg führen. Menschen können jedoch reifen, so wie Kinder erwachsen werden. Ja, unsere Institutionen und unsere Führer spiegeln unsere Unreife wider, aber wenn wir reifen, werden wir bessere Führer wählen und bessere Institutionen aufbauen. Es kommt immer wieder auf das zurück, was so viele von uns vermeiden möchten: daran zu arbeiten, uns selbst zu verbessern.“
Peace Pilgrim, 1994, S.104, übersetzt von LMD.
Die fünf Entwicklungsstufen sind vermutlich der bekannteste Teil von Dabrowskis Theorie. Sie beschreiben unterschiedliche Formen innerer Organisation und Reifung. Je nach Quelle und späterer Rezeption gibt es kleinere Unterschiede in der Beschreibung einzelner Übergänge. Die Grundbewegung bleibt jedoch dieselbe.
Level 1: Primäre Integration
In älteren Darstellungen wurde die primäre Integration teilweise eng mit dem sogenannten Durchschnittsmenschen verbunden. Diese Wortwahl ist heute erklärungsbedürftig, weil sie leicht herablassend verstanden werden kann. Gemeint ist damit nicht, dass Menschen auf dieser Stufe weniger wert wären. Gemeint ist vielmehr eine innere Organisation, die stärker von äußerer Norm, Gewohnheit, Anpassung und unmittelbaren Bedürfnissen geprägt ist als von bewusster Selbstgestaltung.
Auf der ersten Stufe erleben Individuen vergleichsweise wenig innere Konflikte und Spannungen. Sie richten sich in erster Linie danach, was ihre Umwelt oder Gesellschaft als gut, richtig und normal betrachtet. Das Moralbewusstsein ist stark externalisiert. Menschen auf dieser Stufe orientieren sich vor allem an äußeren Regeln und gesellschaftlichen Erwartungen, ohne diese intensiv im Lichte eigener innerer Werte zu prüfen. Dadurch sehen sie oft wenig Anlass für grundlegende Veränderung oder tiefere Weiterentwicklung.
Von außen kann das wie Frieden wirken. Doch dieser Frieden ist nicht unbedingt Ausdruck tiefer Authentizität. Vielmehr kann es sich auch um eine relativ stabile Anpassung an das Gegebene handeln.
Merkmale der Stufe 1
Typische Merkmale können sein:
-
Übereinstimmung mit den Werten und Normen des sozialen Umfelds
-
Werte werden ohne tiefere kritische Prüfung übernommen
-
Entscheidungen werden durch gesellschaftliche Normen gerechtfertigt
-
starke Anpassung an das, was ist
-
ethisches Verhalten ist oft an die ethischen Standards der Umgebung gebunden
-
wenig ausgeprägte Selbstreflexion
-
geringe innere Konflikthaftigkeit
Viele Menschen bewegen sich über weite Strecken ihres Lebens zumindest in Teilen auf dieser Stufe. Das ist kein moralischer Makel, sondern eine Beschreibung der inneren Organisation. Die meisten Menschen auf dieser Stufe sind liebenswerte und freundliche Menschen, die sich einfach nur nicht so vertiefte Gedanken über den Sinn des Lebens und den Lauf der Zeit machen, wie Individuen höherer Entwicklungsstufen.
Sonderfall: Psychopathie
Dabrowski beschrieb daneben auch Konstellationen, in denen Menschen sich weder an gesellschaftlicher Moral noch an einem höher entwickelten inneren Gewissen orientieren und sich dabei kaum kritisch hinterfragen. Diese Unterform ordnete er nicht als eigentliche Weiterentwicklung ein, sondern als Sonderfall unterhalb oder seitlich zur primären Integration.
Mir ist wichtig, das klar zu trennen. Normale primäre Integration und psychopathische Struktur sind nicht dasselbe. Es wäre falsch, die erste Stufe pauschal mit Gewissenlosigkeit oder Grausamkeit gleichzusetzen.
Merkmale der Substufe Psychopathie
Solche Konstellationen können gekennzeichnet sein durch:
-
geringe oder fehlende Gewissensbildung
-
starke Ichbezogenheit
-
fehlende echte Reue
-
geringe Empathie
-
manipulative Tendenzen
-
Handlungen, die sich nicht an innerer Reife, sondern an Eigennutz orientieren
Diese Form liegt selbstverständlich nicht bei der Mehrzahl der Menschen vor. Gerade deshalb sollte sie klar vom normalen Stufe-1-Erleben abgegrenzt werden, was in einigen Darstellungen auch so gemacht wird. Dabrowski hat diese Stufe als Substufe unter Stufe 1 eingeführt. In manchen neueren Interpretationen der TPD befindet sich der Durchschnittsmensch auf Stufe 2, ich halte mich in diesem Artikel allerdings an die originale Herangehensweise von Dabrowski.
Späte Stufe 1 – Übergang zur Stufe 2
Am Übergang aus der primären Integration beginnt sich etwas zu verschieben. Ein Mensch spürt erste Irritationen. Die bisherige Ordnung wirkt nicht mehr ganz so selbstverständlich. Es entstehen Zweifel, Spannungen oder ein vages Unbehagen. Noch ist kein echter innerer Kompass entstanden, aber das rein angepasste Funktionieren beginnt zu bröckeln.
Hier wird Entwicklung überhaupt erst möglich.
Stufe 2: Unilevel Disintegration
Auf Stufe 2 bricht die äußere Anpassung erstmals ein wenig auf. Das Individuum fängt an, die Wertvorstellungen der Gesellschaft zu hinterfragen und sich langsam von ihnen zu lösen. Sie erkennt zunehmend, dass ihre persönlichen Werte und Überzeugungen nicht mit den Normen der Gesellschaft übereinstimmen und beginnt sich selbst und ihre Motivationen zu hinterfragen.
Je weiter das Individuum auf Stufe 2 fortschreitet, umso aktiver hinterfragt sie sich selbst und sucht nach einem tieferen Sinn. Eine Fragestellung, die Menschen auf Stufe 2 antreibt, ist jene: „Wer bin ich eigentlich?“
Während die Konflikte auf Stufe 2 stark sind, fehlt es ihnen aber an Richtung. Das Individuum wird hin und her geworfen zwischen der gesellschaftlichen Norm mit dem Wunsch nach Anpassung und der inneren Unzufriedenheit. Innere Unruhe, Verwirrung, Spannungen, Orientierungslosigkeit, ein geringes Selbstwertgefühl, Ängste und Depressionen können die Folge sein.
Die Spannungen können derart stark sein, dass sich das Individuum in erster Linie eines wünscht: Es will „normal“ sein, d. h. sich auf Stufe 1 integrieren können. Bei manchen Individuen klappt das auch. Auch „normale“ Menschen werden durch Krisen auf Stufe 2 gehoben. Ist die Krise beendet, so integrieren sie sich wieder auf Stufe 1. Dabei werden die Probleme aber eher durch Zufall als durch einen systematischen Ansatz der persönlichen Entwicklung gelöst.
Für manche Menschen ist eine Integration auf Stufe 1 allerdings nicht möglich, insbesondere eben jenen mit dem hohen Entwicklungspotenzial dank der starken emotionalen, intellektuellen und imaginativen Overexcitabilities.
Stufe 2 ist dadurch geprägt, die Lösungen für die Herausforderungen außerhalb von sich selbst zu suchen, z. B. in externen Autoritäten (wie z. B. politischen Führern, besonders charismatischen Personen, die es „drauf haben“, Gurus und manchmal auch einfach Modeerscheinungen). Die Lösung kommt jedoch nur durch eine Hinwendung zu sich selbst. Die Person wird zurückgeworfen auf die eigenen Werte und das innere Wissen. Ein besonders spannender Prozess, der nicht einfach zu händeln ist. Denn nicht alles, was wir in uns spüren, ist unser inneres Wissen, unser Bauchgefühl. Aus eigener Erfahrung und meiner Erfahrung mit meinen Klienten weiß ich: Mitunter tarnen sich auch Ängste als Bauchgefühl.
Es braucht oftmals viel Wissen um die eigenen Prägungen, um zu unterscheiden: Wo handle ich gerade aufgrund meiner angelernten Individualität und wo handle ich gerade aus meinem freien Willen heraus? An erster Stelle steht nun, das Selbstgefühl zu stärken. Also sich selbst wieder zu spüren. Denn nur zu oft geht unser Selbstgespür aufgrund der Anpassung an die äußeren Bedingungen verloren. Ebenso entfernen wir uns nach Traumatisierungen immer weiter von uns selbst. Denn was viele Menschen nicht wissen: Unsere Gefühle drücken sich somatisch, das heißt im Körper aus. Emotionaler Schmerz ist Schmerz im Körper.
Suchst du jemanden, der dir in deiner Situation Hilfestellung geben kann, so lasse dich nicht von zu viel Charisma beeindrucken. Suche dir einen Menschen, der dich dabei unterstützt, wieder zu dir selbst zu finden.
Merkmale einer Person auf Stufe 2
Mögliche Merkmale sind:
- starke Unsicherheit
- Orientierung an äußeren Erwartungen, Meinungen und Bewertungen
- macht sich viele Gedanken, wie man auf andere wirkt
- intensives Vergleichen mit anderen
- Ambivalenz zwischen verschiedenen Lebensmöglichkeiten
- emotionale Instabilität
- das Gefühl, sich selbst und den eigenen Weg noch nicht gut greifen zu können
- erhöhte innere Konflikthaftigkeit, ohne klare Hierarchisierung
Stufe 3: Spontaneous Multilevel Disintegration
Ist eine Person erst einmal auf Stufe 3 gelandet, gibt es kein Zurück mehr. Eine Reintegration auf Stufe 1 ist nun nie wieder vollständig möglich. Das Individuum erhält ein stärkeres Bewusstsein darüber, was ist, im Gegensatz dazu, was sein könnte. Der Idealismus nimmt klarere Formen an und wird zu einem wesentlichen Bestandteil des Erlebens einer Person.
Auf dieser Stufe beginnen Individuen bewusst an der Integration ihrer Persönlichkeit zu arbeiten. Es treten verstärkte Anzeichen für Selbstreflexion, Kreativität und moralische Sensibilität auf. Individuen setzen sich aktiv mit ihren inneren Konflikten und moralischen Dilemmata auseinander und suchen nach Möglichkeiten, ihre Werte und Überzeugungen zu festigen.
Zu der Frage auf Stufe 2 „Wer bin ich eigentlich“ gesellt sich eine weitere Aufgabe: Herauszufinden, wer man eigentlich sein möchte. Dabei sehnt sich die Person danach, sich selbst in einer tiefen Authentizität zu leben.
Unilevel vs. Multilevel
Die Spannung zwischen „was ist“ zu „was sein könnte“ lässt eine Hierarchisierung der Werte entstehen, die auf Stufe 2 noch nicht so klar zum Vorschein kommt.
Das ist der Unterschied von unilevel zu multilevel. Unilevel können wir uns so vorstellen, dass jemand immer um einen Berg herumgeht, um eine Lösung zu suchen, während die Lösung auf der Bergspitze liegt. Jemand der sich in der Multilevel Disintegration befindet, macht sich auf den Weg, diesen Berg zu erklimmen.
Noch konkreter ausgedrückt: Menschen auf Stufe 2 suchen die Lösung im Außen, während Menschen ab Stufe 3 ihren Blick nach innen wenden.
Jemand auf Stufe 2 geht um den Berg herum, anstatt ihn zu erklimmen. Anders ausgedrückt: Er sucht die Lösung im Außen, statt nach innen zu horchen.
Stufe 4: Organized Multilevel Disintegration
Auf Stufe 4 kommt im Gegensatz zu Stufe 3 noch der Begriff „organisiert“ dazu. Im Gegensatz zu den vorherigen Stufen, auf denen die Desintegration oft chaotisch und ungerichtet erscheint, ist die Desintegration auf Stufe 4 organisiert und strukturiert.
Das bedeutet, dass die inneren Konflikte und Spannungen bewusster wahrgenommen und aktiv in Angriff genommen werden. Individuen auf Stufe 4 setzen sich intensiv mit ihrem eigenen Denken, Fühlen und Handeln auseinander. Sie reflektieren über ihre inneren Motivationen, moralischen Prinzipien und existenziellen Fragen und hinterfragen aktiv ihre bisherigen Annahmen und Überzeugungen.
Trotz der starken inneren Konflikte und Spannungen auf dieser Stufe streben Individuen nach einer höheren Form der Integration, die auf authentischen Werten, einem tieferen Verständnis von sich selbst und einem erweiterten Sinn für Moral und Sinn im Leben beruht.
Die Person ist immer mehr in der Lage, ihre Ideale und Wertvorstellungen auch wirklich zu leben. Sie ist noch mitfühlender auf den früheren Stufen und hat möglicherweise bereits erkannt, dass die Trennung zwischen den Menschen eine Illusion ist. Sie fühlt sich zutiefst verbunden, auch wenn diese Phasen immer wieder von Krisensituationen unterbrochen werden können.
Sie übernimmt ein hohes Maß an Verantwortung und lebt ihre Werte aktiv aus. Ihr Erleben ist von einem tiefen Mitgefühl sich selbst und anderen gegenüber geprägt. Niedere Instinkte in sich selbst lehnt sie ab, ohne sich dafür selbst zu beschämen. Sie hat erkannt, dass sie dann den größten Wert für die Menschheit erbringt, wenn sie mit sich selbst gleichsam liebevoll wie diszipliniert umgeht.
Während eine Person auf Stufe 3 sich von sozialen Normen löst und nach persönlicher Autonomie strebt, geht eine Person auf Stufe 4 darüber hinaus und integriert diese Autonomie in ein höheres Verständnis von sozialer Verantwortung und moralischer Entwicklung.
Soziale Konventionen schränken sie nicht ein. Da ihr Weg von Mitgefühl und Liebe beleuchtet ist, versucht sie aber allen Menschen respekt- und liebevoll zu begegnen. Damit ist sie sehr deutlich abzugrenzen von Menschen auf der Substufe 1 Psychopathie, die sich zwar auch nicht unbedingt an soziale Konventionen halten, aber dafür auch an keine höheren Moralvorstellungen.
Dahingegen zeigt eine Person auf Stufe 4 ein tiefes Verständnis für die Komplexität der menschlichen Natur und kann Mitgefühl und Verständnis für unterschiedliche Lebensperspektiven aufbringen.
Personen auf Stufe 4 verfügen über ein hohes Selbstwertgefühl, haben viel Energie, agieren sehr autonom, handeln aus Liebe und Mitgefühl und versuchen, durch ihr Handeln eine positiven Einfluss zu erbringen.
Sie befinden sich im Prozess der Selbstaktualisierung, das heißt sie entwickeln sich systematisch und organisiert dahin, eine selbstgewählte Persönlichkeit zu leben. Aus der Individualität wird nun eine Persönlichkeit.
Merkmale einer Person auf Stufe 4
Stufe 4: Organized Multilevel Disintegration
Stufe 5 markiert die höchste Stufe der Persönlichkeitsentwicklung. Wobei ab hier nach oben keine Grenzen mehr gesetzt sind.
„I was not far down the spiritual road then I became acquainted with what the psychologists refer to as ego and conscience, which I call the lower self and the higher self, or the self-centered nature and the God-centered nature. It’s as though we have two selves or natures or two wills with two contrary viewpoints.“
Peace Pilgrim, 1994, S. 8.
Sinngemäß übersetzt: „Ich war auf dem spirituellen Weg noch nicht weit fortgeschritten, als ich mit dem vertraut wurde, was die Psychologen als Ego und Gewissen bezeichnen, was ich das niedere Selbst und das höhere Selbst oder die egozentrierte Natur und die gottzentrierte Natur nenne. Es ist, als ob wir zwei Selbst oder Naturen hätten oder zwei Willen mit zwei gegensätzlichen Standpunkten.“
Aus diesem Text von Peace Pilgrim, die 28 Jahre ihres Lebens durch die USA pilgerte, um mit den Menschen über Frieden zu sprechen, wird der gesamte Inhalt der TPD deutlich: Es geht darum, aus der selbstzentrierten Natur, die von Angst, Gier und materiellen Bedürfnissen geleitet wird, in eine gottzentrierte Natur zu wachsen, die auf altruistische Handlungen ausgerichtet ist.
Allerdings sei an dieser Stelle erwähnt: Man kann den Prozess nicht überspringen oder Abkürzungen nehmen. Gerade hochsensible Menschen neigen manchmal zu Selbstlosigkeit und altruistischem Verhalten, während sie ihre eigenen Bedürfnisse vergessen. Es geht auch nicht darum, auf Krampf die eigenen Bedürfnisse zu reduzieren, in der Hoffnung, dass dann dort irgendwo Glück und Erleuchtung warten. Es funktioniert nicht, wenn du über deine Gefühle und Bedürfnisse bulldozt. Gehe deinen Weg. In deinem Tempo. Achte auf dich und auf das, was du brauchst. Lerne aus deinen Erfahrungen und schaue, was dir wirklich wahres Glück bringt und was nur die kurzfristige (Ersatz-)Befriedigung deiner Bedürfnisse.
Hochsensibilität und Hochbegabung: Krise als Chance
Die Theory of Positive Disintegration betont die Bedeutung von inneren Konflikten und Krisen als mögliche treibende Kräfte für Wachstum und Entwicklung. Gerade für hochsensible und hochbegabte Menschen kann das ein Hoffnungsgeber sein.
Viele dieser Menschen erleben Herausforderungen nicht nur stärker, sondern auch tiefer. Sie nehmen Unstimmigkeiten intensiver wahr, durchdenken Situationen umfassender und leiden häufig stärker unter moralischen Widersprüchen, Sinnverlust oder nicht gelebtem Potenzial. Das kann ihre Verletzlichkeit erhöhen. Es kann aber auch bedeuten, dass sie Entwicklungserfahrungen auf einer ungewöhnlich tiefen Ebene verarbeiten.
Beim Dabrowski-Kongress 2022 wurde die Traumatherapeutin Patty Williams gefragt, ob Menschen mit Overexcitabilities leichter traumatisierbar seien. Ihre Antwort war differenziert. Sie hielt es für plausibel, dass Menschen mit Overexcitabilities bestimmte Erfahrungen intensiver und damit möglicherweise auch traumatischer erleben. Gleichzeitig stellte sie die spannende Gegenfrage, ob genau diese Tiefe des Erlebens auch mit einer erhöhten Möglichkeit zu posttraumatischem Wachstum verbunden sein könnte.
Dieser Gedanke ist für viele hochsensible und hochbegabte Menschen bedeutsam. Nicht, weil Trauma etwas Gutes wäre. Sondern weil er die Möglichkeit offenhält, dass intensive Menschen aus schweren Erfahrungen unter den richtigen Bedingungen auch besonders viel Entwicklungspotenzial schöpfen können.
Menschen mit Overexcitabilities können schwierige Lebenserfahrungen manchmal sehr bewusst und tief verarbeiten, indem sie sich intensiv mit den Ursachen ihrer inneren Unruhe, ihrer Ängste und Selbstzweifel auseinandersetzen. Gerade dadurch können innere Konflikte und Krisen zu Katalysatoren persönlicher Entwicklung werden. Diese Entwicklung muss nicht klein bleiben. Sie kann weit über das hinausgehen, was viele Menschen für möglich halten. Nicht im Sinne von Überlegenheit, sondern im Sinne von innerer Reifung, Frieden und wachsender Stimmigkeit.
„Now as far as your experiencing of trauma – you know, qualitatively different and maybe one experience that’s not traumatic for me you go through it in the same way, it could be traumatic for you. I tend to believe with overexcitabilities: That is true, you’re experiencing of a situation may allow to feel and be more traumatic. Now, and we won’t go too far into this, the question I ask you then is this: Does that increase your possibility for post-traumatic growth? You are able to go more deeply into the experiencing of a difficulty. Are you therefore increasingly capable of growing from it? Good question, right? […] So yeah, I think you experience it more.“ Patty Williams (2022). Minute 49:39. Trauma and Giftedness, a Unique Intersecion. Dabrowski Kongress.
Wichtig ist auch hier die Differenzierung. Weder Hochsensibilität noch Hochbegabung noch Overexcitabilities bedeuten automatisch höhere Entwicklungsstufen. Und nicht jede Krise ist Ausdruck positiver Disintegration. Manche Menschen brauchen zunächst vor allem Stabilisierung, Unterstützung und Entlastung. Trotzdem liegt in der Theorie ein wertvoller Trost. Innere Spannungen müssen nicht sinnlos sein. Sie können auf etwas hinweisen, das in Entwicklung begriffen ist.
Abschluss
„What is it in myself that is not me? What is it that I am becoming, although it is not yet crystallized?“
Dabrowski, 2015, S. 11
Sinngemäß übersetzt: Was ist es in mir, das nicht ich ist? Was ist es, zu dem ich werde, obwohl es noch nicht auskristallisiert ist?
Für mich bringt dieses Zitat sehr schön auf den Punkt, worum es in der Theory of Positive Disintegration letztlich geht. Entwicklung bedeutet nicht nur, besser zu funktionieren. Sie bedeutet auch, zu erkennen, was in uns bloß übernommen, angepasst, angelernt oder aus Angst entstanden ist und was in uns auf etwas Wahrhaftigeres hinweist.
Die Theory of Positive Disintegration ist kein einfaches Stufenmodell für bessere und schlechtere Menschen. Sie ist ein Versuch, innere Entwicklung ernster zu nehmen und psychische Krisen nicht vorschnell nur als Defekt zu betrachten.
Gerade für hochsensible und hochbegabte Menschen kann diese Theorie sehr entlastend sein. Sie eröffnet die Möglichkeit, Intensität, Selbstzweifel, moralische Konflikte und innere Zerrissenheit nicht nur als Belastung, sondern auch als möglichen Ausdruck von Entwicklung zu verstehen.
Gleichzeitig braucht es einen nüchternen Umgang mit ihr. Nicht jede Tiefe ist schon Reife. Nicht jede Krise ist schon positive Disintegration. Und nicht jede hohe Sensitivität führt automatisch zu einer weiter entwickelten Persönlichkeit. Dennoch steckt in Dabrowskis Denken etwas sehr Wertvolles. Entwicklung beginnt oft dort, wo Selbstverständlichkeiten aufbrechen. Dort, wo ein Mensch nicht mehr nur funktioniert, sondern sich fragt, wie er wirklich leben möchte.
Wenn du dich in vielen dieser Beschreibungen wiedererkennst, kann es sehr entlastend sein, dein Erleben in einem größeren Zusammenhang zu sehen. Vielleicht ist dein inneres Ringen nicht nur ein Zeichen dafür, dass etwas mit dir nicht stimmt. Vielleicht ist es auch Ausdruck davon, dass etwas in dir nach mehr Wahrhaftigkeit, mehr Freiheit und mehr innerer Stimmigkeit sucht.
Ich wünsche dir alles Gute!
Lisa-Marie Diel
Psychologische Beraterin für Hochsensibilität und Hochbegabung
PSI-Kompetenzberaterin | Persönlichkeitsorientierte Beraterin (IMPART, Osnabrück)





