Mirror-Touch- und Mirror-Pain-Synästhesie

von | Hochsensibilität, Synästhesie

Lesedauer 6 Minuten

Manche Menschen berichten etwas, das zunächst wie eine Metapher klingt und sich dann als sehr konkrete Körpererfahrung entpuppt. Wenn sie sehen, wie jemand berührt wird, spüren sie selbst eine Berührung. Wenn sie sehen, wie sich jemand verletzt, kann sich das im eigenen Körper wie ein Echo aus Schmerz oder unangenehmer Empfindung bemerkbar machen. Solche Phänomene liegen an der Schnittstelle von Wahrnehmung, Empathie und der Frage, wie stark das Gehirn die Erfahrungen anderer simuliert. In der Forschung werden dafür vor allem zwei Begriffe diskutiert: Mirror-Touch-Synästhesie, also spiegelnde Berührungsempfindungen, und Mirror-Pain bzw. Mirror-Sensing, also das körperliche Mitempfinden von Schmerz oder Unwohlsein beim Beobachten des Schmerzes anderer. Für viele Hochsensible ist das Thema besonders interessant, weil die eigenen Empathie- und Resonanzphänomene oft sehr körpernah erlebt werden. Gleichzeitig ist wichtig, nicht alles in einen Topf zu werfen: Nicht jede starke Empathie ist Synästhesie, und nicht jede körperliche Resonanz ist automatisch ein Zeichen für Mirror-Touch oder Mirror-Pain.

Mirror-Touch-Synästhesie

Mirror-Touch-Synästhesie bezeichnet eine spezifische Form von Synästhesie. Ein äußerer Reiz, der normalerweise nur in einem Sinneskanal verarbeitet wird, löst zusätzlich eine zweite, ungewöhnlich gekoppelte Wahrnehmung aus. In diesem Fall ist der Auslöser visuell: Man sieht, wie eine andere Person berührt wird. Die zusätzliche Wahrnehmung ist taktil: Man spürt am eigenen Körper ein Berührungsgefühl, obwohl objektiv niemand die eigene Haut berührt. Typisch ist, dass dieses Gefühl automatisch auftritt, unmittelbar mit dem beobachteten Reiz verbunden ist und über die Zeit hinweg stabil bleibt. Wer Mirror-Touch erlebt, beschreibt häufig eine klare, bewusst wahrnehmbare Empfindung, die sich qualitativ wie eine echte Berührung anfühlen kann. Es handelt sich nicht um eine willentlich erzeugte Vorstellung, sondern um ein reflexhaftes „Mit-Spüren“, das mit der Beobachtung einsetzt.

In der Literatur wird Mirror-Touch als selten, aber gut dokumentiert beschrieben. In Befragungsstudien finden sich Schätzungen um etwa 1–2 Prozent in der Allgemeinbevölkerung. Diese Zahl ist nicht als absolut zu verstehen, weil Definitionen, Erhebungsmethoden und Stichproben stark variieren, aber sie gibt eine Größenordnung an. Mirror-Touch ist ungewöhnlich, jedoch nicht exotisch selten. Innerhalb des Phänomens gibt es zwei häufig genannte Ausprägungsformen. Bei einem gespiegelten Muster tritt die Empfindung auf der gegenüberliegenden Körperseite auf, wie in einem Spiegel: Wird bei der beobachteten Person die rechte Wange berührt, fühlt die betrachtende Person die linke Wange. Bei einem gleichseitigen Muster wird die gleiche Seite gespürt: rechts löst rechts aus. Experimente konnten beide Varianten zeigen. Zusätzlich gibt es Unterschiede darin, wie stark und wie lokal die Empfindung ist. Einige Menschen erleben die Berührung sehr körpernah und präzise, andere eher als schwaches Kribbeln oder ein flüchtiges Echo. In der Synästhesieforschung wird hier oft zwischen projektivem Erleben (als wäre es wirklich auf der Haut) und assoziativem Erleben (mehr als inneres, körpernahes Gefühl ohne klare Projektion auf die Haut) unterschieden. Es handelt sich dabei aber nicht nur um eine bildhafte Vorstellung („ich kann mir vorstellen, wie sich das anfühlt“), sondern um eine echte, bewusste Körperwahrnehmung, die unmittelbar nach dem auslösenden Reiz auftaucht.

Ich habe von Fällen gehört, in denen die Mirror-Touch-Synästhesie geradezu übernatürliche Phänomene gezeigt hat, z. B. konnte in einem Zoom-Meeting die Synästhetin den Rückenschmerz der anderen Person am eigenen Leib spüren – obwohl sie lediglich den Kopf und einen Teil der Schultern sehen konnte und der Schmerz mit keiner Silbe erwähnt wurde. Fast schon spooky ;-).

Wir besitzen ein soziales Gehirn

Unser Gehirn ist grundsätzlich darauf ausgelegt, andere Menschen nicht nur zu beobachten, sondern ihre Handlungen und Empfindungen in gewisser Weise mitzuverarbeiten. Wenn wir sehen, wie jemand berührt wird, reagieren bei vielen Menschen auch Bereiche des Gehirns mit, die normalerweise Berührung am eigenen Körper verarbeiten. Bei den meisten bleibt das im Hintergrund und es wird nicht als tatsächliche Berührung erlebt. Bei Menschen mit Mirror-Touch-Synästhesie scheint diese Mitverarbeitung stärker zu sein oder schneller die Schwelle zu erreichen, ab der sie im Bewusstsein als Körperempfindung auftaucht. Die Beobachtung von Berührung wird nicht nur verstanden, sondern in einem gewissen Sinn körperlich gespiegelt.

Was löst Mirror-Touch aus?

Nicht jede Darstellung von Berührung wirkt gleich stark. In Studien zeigt sich, dass Mirror-Touch typischerweise dann am ehesten ausgelöst wird, wenn die Szene als echte Körperberührung verarbeitet wird. Wenn also klar erkennbar ist, dass es um menschliche Haut, einen menschlichen Körper und eine plausible Berührungssituation geht. Das kann erklären, warum manche Menschen bestimmte Videos, Nahaufnahmen oder sehr realistische Szenen als intensiver erleben als abstrakte Darstellungen.

Mirror-Touch ist nicht zwangsläufig dauerhaft stark online. Viele Betroffene berichten, dass Intensität und Häufigkeit je nach Kontext schwanken können, zum Beispiel abhängig davon, wie aufmerksam man hinschaut, wie nah die Szene wirkt oder wie deutlich der Kontakt visuell erkennbar ist.

Ich, du?

Unser Gehirn muss ständig eine sehr anspruchsvolle Aufgabe lösen: Es muss unterscheiden, was zu mir gehört und was zu jemand anderem gehört. Bei Mirror-Touch ist diese Grenze in einem bestimmten Bereich offenbar durchlässiger. Die Mirror-Touch-Synästhesie gilt als eine Besonderheit der sensorischen Verarbeitung und Selbst-Andere-Abgrenzung (ein Thema, was ja auch für viele hochsensible Menschen relevant ist). Dabei liegt Vermutlich eine stärkere Kopplung zwischen dem beobachteten Körperzustand des anderen und der eigenen Körperkarte (die schon in der frühsten Kindheit gebildet wird) vor.

Für viele Betroffene ist Mirror-Touch vor allem eine Erklärung für ein Lebensgefühl, das durch veränderte Grenzen zwischen sich selbst und anderen geprägt wird. In manchen Situationen kann das bereichernd sein, weil es soziale Szenen sehr unmittelbar erfahrbar macht. In anderen Situationen kann es ablenken oder anstrengend werden, vor allem dann, wenn viele Berührungsreize gleichzeitig auftreten oder wenn die beobachtete Berührung als unangenehm erlebt wird.

Es ist eine Wahrnehmungsvariante. Ob sie im Alltag als Ressource oder als Belastung erlebt wird, hängt stark von Intensität, Kontext und persönlicher Regulation ab.

Mirror-Pain-Synästhesie

Neben Berührung ist Schmerz der zweite große Bereich, in dem viele Menschen körperliche Resonanz beschreiben. Unter Begriffen wie Mirror-Pain oder Mirror-Sensing wird zusammengefasst, dass jemand beim Beobachten von Schmerz anderer selbst unangenehme, teils schmerzhafte Empfindungen erlebt. Das kann passieren, wenn man sieht, wie sich jemand schneidet, stürzt oder den Finger einklemmt. Es kann aber auch durch das Hören einer Schilderung ausgelöst werden, durch das Betrachten von Wunden oder sogar durch das Lesen und Vorstellen einer Szene. Dieses Phänomen ist deutlich häufiger berichtet als Mirror-Touch, mit Schätzungen, die je nach Studie grob im Bereich von etwa einem Fünftel bis einem Drittel liegen. Allein diese Häufigkeit ist ein Grund, warum viele Forschende Mirror-Pain eher als Extremvariante normaler Empathie- und Simulationsmechanismen betrachten und weniger als klassische Synästhesie. Die Übergänge sind allerdings nicht scharf. Einige Autorinnen und Autoren argumentieren, dass es auch bei Mirror-Pain eine Teilgruppe geben könnte, bei der Automatik, Konsistenz und sensorische Qualität synästhesieähnlich ausgeprägt sind.

Die Erlebnisform bei Mirror-Pain unterscheidet sich deutlich von Mirror-Touch. Bei Mirror-Touch ist die Zuordnung typischerweise körperstellen-spezifisch und in Bezug auf das beobachtete Ereignis geordnet: Wange bleibt Wange, Arm bleibt Arm, in spiegelnder oder gleichseitiger Abbildung. Bei Mirror-Pain berichten viele Menschen dagegen von einer idiosynkratischen Signatur. Der beobachtete Schmerz kann unterschiedlich sein, aber die eigene Empfindung taucht immer wieder an einer bestimmten Stelle auf, etwa im Bauch, in den Beinen, im Rücken oder als diffuse Welle. Auch die Qualität ist häufig anders: Es wird von elektrisierenden Stichen, Ziehen, Kribbeln, Übelkeitswellen oder einem schwer zu lokalisierenden Unwohlsein berichtet, das den Körper durchläuft. Das kann subjektiv sehr real sein und ist nicht bloß Mitgefühl im metaphorischen Sinn. Gleichzeitig ist es oftmals stärker kontextabhängig, stärker von Aufmerksamkeit beeinflusst und stärker durch Erwartung getriggert als Mirror-Touch. Gerade die Erwartungskomponente ist wichtig: Bei vielen Menschen entsteht das körperliche Echo bereits, wenn sie antizipieren, dass gleich etwas Schmerzhaftes passieren wird, etwa in Filmszenen. Das zeigt, dass Vorhersage und Vorstellungskraft eine große Rolle spielen können.

Neurobiologisch passt das gut zu dem, was man über Schmerzempathie weiß. Wenn wir Schmerz bei anderen sehen, werden im Gehirn häufig Netzwerke aktiv, die auch bei eigenem Schmerz beteiligt sind. Allerdings ist die Überlappung nicht vollständig. Viele Studien zeigen eher eine Aktivierung der affektiv-motivationalen Komponenten, d. h. der Bereiche Alarm und Handlungsimpuls verarbeiten, während die strikt sensorische Kodierung der Schmerzlokalisation beim Beobachten meist schwächer ist. Bei Menschen, die Mirror-Pain körperlich erleben, scheint diese Aktivierung stärker oder anders verteilt zu sein, und in einigen Untersuchungen wurden erhöhte Reaktionen in somatosensorischen Regionen beschrieben. Die plausibelste Gesamtannahme ist auch hier: Beobachtung und Vorstellung aktivieren Simulation und bei manchen Personen erreicht diese Simulation eine Intensität, die als eigene Körperempfindung bewusst wird. Ob man das dann Synästhesie oder Extremempathie nennt, hängt davon ab, wie eng man den Begriff fasst.

Aus langen Gesprächen mit der Synästhesieexpertin Dr. Jasmin Sinha habe ich gelernt, dass die Mirror-Touch synästehsietypische Kriterien klar erfüllt. Die Mirror-Pain/Mirror-Sensing hingegen nicht und kann daher eher als eine starke Ausprägung der Schmerzempathie mit körperlicher Resonanz gesehen werden.

Ist das nicht alles Hochsensibilität?

Damit sind wir bei der Abgrenzung zur Empathie insgesamt, und hier lohnt sich Präzision. Empathie umfasst mehrere Komponenten. Es gibt eine kognitive Seite, also das Verstehen der Perspektive und des Zustands anderer, und eine affektive Seite, also das Mitfühlen. Viele Hochsensible erleben affektive Resonanz besonders intensiv, oft gekoppelt an feine Wahrnehmung von Mimik, Tonfall und Kontext. Diese Intensität kann sich körperlich bemerkbar machen, etwa als Anspannung, Druck, Wärme, Beklemmung oder Energie im Raum. Das ist für sich genommen jedoch nicht Mirror-Touch. Mirror-Touch ist ein sehr spezifisches, taktiles Mitempfinden, das durch beobachtete Berührung ausgelöst wird und sich in relativ stabilen Mustern zeigt. Mirror-Pain wiederum ist stärker an Leidensreize gekoppelt und kann sich als körperliches Unbehagen äußern, ohne dass die Lokalisation dem beobachteten Ort entsprechen muss. Man kann also hoch empathisch und hochsensibel sein, ohne je synästhetische Spiegelberührung zu erleben. Und umgekehrt kann jemand Mirror-Touch haben, ohne zwangsläufig emotional stärker beteiligt zu sein, als die Situation es nahelegt. Das klingt kontraintuitiv, ist aber logisch, wenn man Synästhesie als Wahrnehmungskopplung versteht: Das taktile Signal kann auftreten, ohne dass daraus automatisch tiefes Mitgefühl folgt (auch wenn Mirror-Touch-Synästheten auffällig häufig ausgeprägt empathisch sind).

Wie ist es bei dir?

Findest du dich in der Beschreibung der Synästhesien wieder? Was glaubst du, ist es bei dir eine echte Synästhesie oder findest du dich eher in der Schmerzempathie wieder?

Literatur

Lush, P., Botan, V., Scott, R. B., Seth, A. K., Ward, J., & Dienes, Z. (2020). Trait phenomenological control predicts experience of mirror synaesthesia and the rubber hand illusion. Nature Communications, 11, Article 4853. https://doi.org/10.1038/s41467-020-18591-6