Es gibt kaum eine Synästhesie, die mich bei der Recherche so fasziniert hat, wie die Personen-Farb-Synästhesie. Nicht, weil sie so ungewöhnlich wäre – alle Synästhesien sind hochgradig spannend. Mich persönlich hat diese Synästhesie aber so sehr interessiert, weil sie im zwischenmenschlichen Miteinander eine deutliche Ressource darstellen kann. Das hilft Therapeut:innen, psychologischen Berater:innen, Coaches, aber auch Menschen im Alltag. Insbesondere sind Berichte über Autist:innen bekannt, die dank der Synästhesie sowohl die eigenen als auch die Emotionen anderer leichter wahrnehmen konnten.
Aurasehen?
Zunächst einmal möchte ich abgrenzen, dass die Personen-Farb-Synästhesie nichts mit dem Aurasehen zu tun hat, wie es in der spirituellen New Age-Szene mitunter praktiziert wird, zumindest schätze ich das so ein (falls es anders ist: Ich lasse mich gerne freudvoll eines Besseren belehren). In esoterischen Lehren bezeichnet Aura ein vermeintliches Energiefeld in Farbschattierungen, das sensitive Menschen um andere Personen wahrnehmen und das Auskunft über Charakter oder Gesundheitszustand geben soll. Eine Studie aus Spanien von Milán et al. (2012) verglich daher systematisch Berichte von Personen-Farb-Synästhet:innen mit denen angeblicher Aura-Seher. Die Ergebnisse zeigen sowohl Überschneidungen als auch markante Unterschiede. Gemeinsam ist beiden, dass Farben mit Personen assoziiert werden und teils emotionale Bedeutungen tragen. Unterschiede fanden sich hingegen in der Konsistenz und Subjektivität der Wahrnehmung.
Synästhetische Farberscheinungen sind strikt idiosynkratisch, jede:r Synästhet:in hat sein eigenes, überdauerndes Schema, welche Person welche Farbe hat. Aura-Mediums berichten hingegen oft von kollektiven Farbzuschreibungen und mehrere Aura-Seher wollen bei derselben Person ähnliches sehen.
Synästhesien sind grundsätzlich stabil und halten auch mehreren Überprüfungen stand, teils über Jahre hinweg, was bei vielen Menschen, die in einem esoterischen Kontext Auren sehen, nicht der Fall ist.
Bitte nicht falsch verstehen. Ich möchte das esoterische Aurasehen nicht abwerten. Es geht mir schlicht darum, zu differenzieren, dass hier in den meisten Formen keine Synästhesie vorliegt.
Personen-Farb-Synästhesie
Die Personen-Farb-Synästhesie bezeichnet eine sehr seltene Variante der Synästhesie, bei der konkrete Personen automatisch und unwillkürlich Farbempfindungen auslösen. Synästhet:innen berichten dabei, dass jede Person eine spezifische Farbe ausstrahlt oder mit einer bestimmten Farbvorstellung verknüpft ist. Mitunter erscheint dies subjektiv als farbige Aura um das Gesicht einer Person (projektiv) oder als innere visuelle Farbvorstellung (assoziativ). In Beschreibungen von Betroffenen ist die Erscheinung der projektiven Personen-Farb-Synästhesie oft unregelmäßig, asymmetrisch, fleckig, fransig oder in ihrer Intensität wechselnd, teils näher an Konturen (z. B. Haarlinie, Schultern), teils eher wie ein schwacher Schleier oder Farbsaum. Häufig sind es Verdichtungen oder Zonen statt einer gleichmäßig geschlossenen Form. Der Eindruck kann sehr subtil sein und muss nicht die gesamte Person umfassen.
Assoziative Personen-Farb-Synästhet:innen erleben ihre Synästehsie meist als unmittelbares Wissen, als inneres Farberleben oder als Farbeindruck im Vorstellungsraum. Typisch ist eine sehr schnelle, automatische Kopplung („Person X hat für mich Farbe Y“), die oft über lange Zeit stabil bleibt. Der Eindruck kann schon beim Namen oder beim Gedanken an die Person auftreten, ohne dass eine äußere Wahrnehmung nötig ist. Häufig ist die assoziative Form weniger spektakulär als die projektive, dafür aber besonders zuverlässig und konstant.
Außerdem kann eine Personen-Synästhesie mehrdimensional sein. Das synästhetische Zusatz-Erleben muss nicht auf nur eine Farbe beschränkt sein. In manchen Fällen werden mehrere sogenannte Concurrents berichtet. Neben Farbe auch Textur, Muster, Form, Dichte, Bewegung oder Partikelhaftes (z. B. Punkte, Glitzern), und diese Qualitäten können sich zwischen Personen unterscheiden. Fachlich würde man dann von einer Personen-Synästhesie mit mehreren Concurrents sprechen: Die Person ist der Auslöser (Induktor), und es entstehen mehrere gekoppelte Zusatzqualitäten im Erleben.

So könnte eine projektive Personen-Farb-Aura aussehen. Das Bild wurde mit Hilfe einer KI erstellt.
Es existieren Unterformen je nach Art des auslösenden Reizes. Bei manchen Synästhet:innen entsteht die Farbassoziation beim direkten Betrachten eines Gesichts oder einer Person. Andere erleben die Farbvorstellung allein durch den Namen einer Person und wiederum andere berichten, dass eher die Persönlichkeit oder Ausstrahlung eines Menschen die Farbe bestimmt, also ein abstrakter Eindruck der Identität. In der Literatur werden solche Varianten als Persönlichkeits-Farb-Synästhesie bezeichnet. Eine Unterform der Personen-Farb-Synästhesie, die dann auftritt, wenn Persönlichkeitsmerkmale der Auslöser sind.
Diese synästhetischen Verknüpfungen sind tatsächlich auch messbar. Über fMRI-Studien konnte bei mehreren Synästhesieformen gezeigt werden, dass es zu einer atypischen Kopplung unterschiedlicher Hirnregionen kommt. Im Fall der Personen-Farb-Synästhesie wird eine Kopplung zwischen dem Gesichtserkennungsareal und dem Farbwahrnehmungsareal im visuellen Cortex vermutet.
Wenn eigene Emotionen eine Rolle spielen
Neben der reinen Identität beeinflussen oft emotionale Faktoren die erlebte Farbe. Viele Betroffene berichten, dass die Farbe einer Person in irgendeiner Weise deren Charakter, Stimmung oder ihre eigene Gefühlsbeziehung zu dieser Person widerspiegelt.
Genau so erlebe ich meine eigene Synästhesie auch. Zum einen wird sie davon beeinflusst, wie gut ich eine Person kenne. Zum anderen, wie nah sie mir steht. Menschen, zu denen ich eine enge emotionale Bindung habe, haben teilweise sehr komplexe Aurastrukturen, die über die Zeit stabil sind.

Darstellung einer komplexen assoziativen Personen-Farb-Synästhesie. So sehe ich die Aura einer Person, die mir sehr nahe steht. Das Bild wurde mit Hilfe einer KI erstellt.
Interessanterweise kann sich eine Personen-Farb-Synästhesie mit der Zeit leicht ändern, was für eine Synästhesie eigentlich untypisch ist. Das liegt daran, dass sich die auslösenden Reize verändern können. Oftmals erleben Persönlichkeits-Farb-Synästhet:innen beim Kennenlernen einer neuen Person, dass erst einmal die Farbe des ersten Eindrucks vergeben wird, die sich später aber noch ändern kann, wenn mehr über die Person bekannt wird. Manchmal entsteht ein belastbarer Farbeindruck auch erst mit der Zeit und die Person hat anfangs noch überhaupt keine oder nur eine sehr vage Farbe.
Neurobiologisch spielen bei der Personen-Farb-Synästhesie vermutlich auch limbische und assoziative Kortexregionen eine Rolle. Oft ist die erlebte Farbe nämlich nicht
beliebig, sondern spiegelt die emotionale Bedeutung der Person wider. Neurowissenschaftlich könnte dies bedeuten, dass auch das Amygdala-Insula-Netzwerk (zuständig für Emotionsverarbeitung und affektive Bewertung) mit integriert ist.
Ich kann das aus eigener Erfahrung bestätigen. Zwar ändert sich nicht direkt die Farbe, wenn ich zu einer Person jedoch schwierige Emotionen verspüre, färbt sich die Aura nach und nach „matschig“ ein. Eine für mich ungemein wertvolle Information über meine eigenen affektiven Zustände, die mir schon sehr weitergeholfen hat. In der Vergangenheit habe ich mitunter schon Wochen bevor mir ein Konflikt tatsächlich ins Bewusstsein drang, eine Dunkelfärbung der Aura bemerkt. Da ich früher ausgesprochen harmoniebedürftig war und mit einem Konflikt verbundene Emotionen nur zu gerne unterdrückt und aus meinem Blickfeld verdrängt habe, konnte ich auf diesem Weg allmählich immer besser begreifen, wie ich eigentlich wirklich zu einer Person stehe.

Farbwahrnehmung der Aura eines guten Freundes, als noch alles in Ordnung war. Das Bild wurde mit Hilfe einer KI erstellt.

Und die Farbwahrnehmung der Aura des selben guten Freundes, als die Bindung für mich zunehmend ungesund wurde. Das Bild wurde mit Hilfe einer KI erstellt.
Wenn die Emotionen anderer eine Rolle spielen
Nicht nur die eigenen Emotionen, auch die Emotionen anderer können von manchen Personen-Farb-Synästhet:innen farblich wahrgenommen werden. In einer Fallstudie waren die Farbtöne der Halos direkt mit den vom Probanden wahrgenommenen Emotionen der Person verknüpft: Er sah aggressive Personen in einem anderen Farbton als stolze oder glückliche. Interessanterweise konnte der Proband durch diese Farbhinweise Emotionen erkennen, die ihm
als Asperger-Autist sonst verborgen geblieben wären (was sehr spannend ist, denn es gibt Hinweise darauf, dass neurodivergente Menschen, darunter Autist:innen häufiger auch Synästhet:innen sind. Mehr dazu kannst du in meinem Artikel Was ist Synästhesie nachlesen – falls der Link ins Leere geht, ist der Artikel noch nicht veröffentlicht. Ich arbeite daran 🙂 ).
Echte Synästhesie oder Assoziation?
Mit meiner lieben Freundin und Kollegin, der Synästhesieexpertin Jasmin Sinha, habe ich unzählige Gespräche darüber geführt, wie man eine Synästhesie von assoziativen Wahrnehmungen, oder auch, wie zum Beispiel im Fall der Mirror-Touch-Synästhesie von starker Empathie abgrenzen kann. Gar nicht so einfach, aber es gibt ein paar Grundregeln:
- Eine Synästhesie ist stabil, auch über Jahrzehnte hinweg, außer es ändert sich etwas am Auslöser (z. B. der Persönlichkeit einer Person). In der Wissenschaft werden hierzu Konsistenz-Tests verwendet.
- „Falsche“ Farben können eine subjektive Irritation bzw. messbare Interferenz auslösen. Gemessen wird so etwas z. B. mittels Reaktionszeitmessungen (an einem solchen Stroop-Test durfte ich einst in Bezug auf meine Farb-Graphem-Synästhesie im Rahmen einer Studie am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf teilnehmen. Beim Stroop-Test wird gemessen, ob Menschen langsamer reagieren oder mehr Fehler machen, wenn ein Buchstabe oder eine Zahl in einer Farbe gezeigt wird, die nicht zur inneren synästhetischen Farbe passt, weil sich beide Farbinformationen im Gehirn gegenseitig in die Quere kommen).
- Die Farbe entsteht unwillkürlich oder entsteht aus einer inneren Gewissheit. Wenn der Farbeindruck nicht sofort klar ist, kann er erforscht, aber nicht erzeugt werden. Synästhetische Zuordnungen kommen typischerweise sehr schnell, oft vor dem Nachdenken. Reine Assoziationen brauchen häufiger einen minimalen Evaluationsschritt.
- Die Farbe hat einen klaren Wiedererkennungswert. Z. B. ein milchiges, helles Apricot aus dem nicht einfach ein Pfirsichton wird, ein staubiges Petrol das nicht auf einmal klar und strahlend wird usw.
- Die Farbe ist nicht zwangsläufig kulturell naheliegend. Zum Beispiel wird eine ruhige Person nicht automatisch blau und eine dominante Person nicht automatisch rot wahrgenommen. Natürlich können diese Kombinationen aber auch bei echten Synästhesien vorkommen. Es ist kein Ausschlussgrund, aber wenn diese Kopplung vorliegt, lohnt es sich, einmal genauer hinzuschauen. Ich würde an der Stelle dann auch fragen: „Welches Rot genau hat diese Person?“, denn oft ist es, wie unter Punkt 4 beschrieben, dann doch ein ganz spezieller Ton, der nicht einfach nur übergeordnet nur als „rot“ bezeichnet werden kann. Entsprechendes Farbwissen der betreffenden Person ist natürlich die Voraussetzung für diese Frage.
Wie ist es bei dir?
Nimmst du Farben wahr, wenn du eine Person siehst oder an sie denkst? Bleibt diese Farbe stabil oder ändert sie sich – je nach Kontext? Wie sieht deine Synästhesie aus und inwiefern hast du gemerkt, dass sie dein Leben bereichert hat?
