Underachievement bei Hochbegabung: Wie es sich bei Kindern und Erwachsenen zeigt

Vielleicht kennst du dieses seltsame Gefühl, dass in dir eigentlich viel mehr steckt, als im Alltag sichtbar wird. Dass du schnell denkst, Zusammenhänge früh erkennst, vielleicht sogar ein ausgeprägtes Gespür für Komplexität hast und trotzdem nicht so lebst, lernst oder arbeitest, wie es von außen zu erwarten wäre.
Das kann verunsichern. Vor allem dann, wenn andere immer wieder sagen, wie viel Potenzial du hättest, du selbst aber vor allem spürst, dass du ihm nicht gerecht wirst. Oder wenn du dein Kind ansiehst und merkst, dass da offensichtlich sehr viel da ist, aber schulisch, emotional oder motivational etwas nicht zusammenpasst.
Genau an dieser Stelle beginnt das Thema Underachievement. Dabei geht es nicht einfach um schlechte Noten, zu wenig Disziplin oder fehlenden Ehrgeiz. Es geht um die Frage, warum sich vorhandene Fähigkeiten nicht selbstverständlich in Leistung übersetzen. Und es geht darum zu verstehen, dass hinter diesem Phänomen oft weit mehr steckt als das, was von außen sichtbar ist.
In diesem Artikel erfährst du, was mit Underachievement gemeint ist, wie es entstehen kann, wie es sich für Betroffene häufig anfühlt und was Kindern, Eltern und Erwachsenen helfen kann, wieder in eine stimmigere Entwicklung zu finden.
Underachievment in aller Kürze
Was bedeutet Underachievement überhaupt?
Underachievement bedeutet, dass die sichtbare Leistung eines Menschen deutlich hinter dem zurückbleibt, was aufgrund seiner Fähigkeiten eigentlich zu erwarten wäre. Gemeint ist also nicht einfach zu wenig Disziplin, sondern eine auffällige Diskrepanz zwischen Können und tatsächlichem Output.
Ist Underachievement eine Diagnose oder Persönlichkeitseigenschaft?
Weder noch. Underachievement ist weder eine Diagnose noch ein fester Persönlichkeitszug. Es beschreibt einen Zustand in einem bestimmten Kontext und zu einer bestimmten Zeit. Genau deshalb ist es problematisch, Menschen vorschnell als „Underachiever“ zu etikettieren, als wäre das ihre Identität.
Heißt Hochbegabung automatisch, dass jemand viel leisten müsste?
Nein. Hohe Intelligenz ist eine Möglichkeit, aber keine moralische Verpflichtung zu klassischer Leistung. Ein Mensch muss sein Potenzial nicht zwingend in Noten, Titeln oder Status umsetzen. Manchmal zeigt sich Begabung eher in Kreativität, Tiefe, Ethik, Beziehungsfähigkeit oder einer sehr eigenen Lebensgestaltung.
Woran erkennt man Underachievement bei Kindern oder Erwachsenen?
Bei Kindern zeigt es sich oft an einer über längere Zeit stabilen Diskrepanz zwischen kognitiven Fähigkeiten und schulischer Leistung. Bei Erwachsenen eher an Mustern wie Studien- oder Berufsabbrüchen, ständiger Unterforderung, Überforderung, chronischer Stagnation, Perfektionismusblockaden, Angst vor Sichtbarkeit oder dem Gefühl, dauerhaft unter den eigenen Möglichkeiten zu leben. Es geht nicht um ein vorübergehendes Tief, sondern um ein wiederkehrendes Muster.
Ist Underachievement einfach ein Motivationsproblem?
Meist nicht.Die Ursachen liegen häufig in Passungsproblemen, Stress, emotionaler Unsicherheit, Über- oder Unterforderung, fehlenden Strategien, neurodivergenten Profilen, Beziehungserfahrungen oder Sinnverlust. Mehr Druck löst das oft nicht, sondern verschärft es eher.
Manchmal entsteht Underachievement auch durch Ursachen, die auf den ersten Blick nichts direkt mit Leistung zu tun haben: Krisen, Krankheit, Mobbing, Depression, ADHS, Autismus, Trauer und Überlastung können ebenfalls das Leistungsvermögen erheblich beeinträchtigen.
Mehr zum Thema: ADHS bei Hochbegabung
Welche Rolle spielt Unterforderung?
Eine große. Wenn hochbegabte Kinder oder Erwachsene über längere Zeit nur Aufgaben bearbeiten, die deutlich unter ihrem Niveau liegen, entstehen häufig Langeweile, Sinnverlust und fehlender Zugang zum Flow. Gleichzeitig können wichtige Selbststeuerungskompetenzen unterentwickelt bleiben, weil echte Herausforderung fehlt.
Warum kann Underachievement trotz hoher Intelligenz entstehen?
Weil Intelligenz allein nicht reicht. Wer kaum lernen musste, mit Frust, Unsicherheit, Anstrengung und Fehlern umzugehen, kann später genau dort ins Straucheln geraten. Hochbegabte Menschen im Underachievement oft kognitiv weit sind, aber in Selbstregulation, Frustrationstoleranz oder Fokussteuerung nicht gleichermaßen geübt.
Wie fühlt sich Underachievement für Betroffene an?
Häufig sehr schmerzhaft. Typisch sind Scham, Selbstzweifel, Angst vor Fehlern, Prokrastination, innere Starre, das Gefühl einer angezogenen Handbremse und ein schwindendes Vertrauen in die eigene Wirksamkeit. Nach außen wirken Betroffene nicht selten klug und reflektiert, innerlich erleben sie sich aber oft als blockiert oder defizitär.
Was hilft Eltern eines hochbegabten Kindes im Underachievement?
Hilfreich sind meist weniger Druck und mehr echte Passung. Wichtig ist auch, dass Hobbys als Ressource geschützt werden, weil hierüber Sinn erfahren und der Umgang mit Frust erlernt werden kann.
Als Elternteil ist die Begleitung eines hochbegabten Kindes im Underachievement oft eine Belastungsprobe für die eigenen Nerven. Daher ist wichtig, die eigene emotionale Lage als Elternteil mitzureflektieren, Verantwortung altersgerecht beim Kind zu lassen, schulische Förderung aktiv einzufordern und Aufgaben so zu gestalten, dass nicht nur Wiederholung, sondern echtes Verstehen möglich wird.
Was ist die wichtigste Grundhaltung im Umgang mit Underachievement?
Nicht moralisch urteilen, sondern genauer hinschauen. Die zentrale Frage ist nicht: „Warum strengt sich diese Person nicht mehr an?“ Sondern: „Welche Bedingungen braucht sie, damit sich ihre Fähigkeiten gesund, stimmig und nachhaltig in Entwicklung und Leistung übersetzen können?“
Kann sich Underachievement wieder verändern oder auflösen?
Ja. Underachievement ist keine feste Persönlichkeitseigenschaft, sondern ein veränderbares Muster. Wenn sich wichtige Bedingungen verändern, z. B. Passung, Selbstregulation, emotionale Sicherheit, Lernumgebung oder innere Überzeugungen, kann sich auch das Leistungsbild deutlich verändern.
Häufig braucht es hierfür externe Hilfe.
Was ist Underachievement
Underachievement bedeutet im Kern, dass die sichtbare Leistung eines Menschen deutlich hinter dem zurückbleibt, was aufgrund seiner Fähigkeiten und Voraussetzungen erwartbar wäre. Wichtig ist dabei gleich zu Beginn eine saubere Einordnung: Underachievement ist keine Diagnose und auch keine Persönlichkeitseigenschaft, sondern eine Beschreibung einer auffälligen Diskrepanz in einem bestimmten Kontext und zu einer bestimmten Zeit. Meist wird der Begriff im schulischen Bereich verwendet, weil sich dort Leistung besonders leicht beobachten und vergleichen lässt, etwa über Noten, Tests oder Leistungsrückmeldungen. In einem weiteren Sinn kann Underachievement aber auch bedeuten, dass ein Mensch im Alltag oder im Beruf nicht das umsetzt, wozu er prinzipiell in der Lage wäre, oder dass er sich innerlich dauerhaft unter seinen Möglichkeiten erlebt. Genau hier wird es für viele Erwachsene unscharf, weil Leistung im Leben nicht so eindeutig messbar ist wie in der Schule und weil Potenzial sich nicht auf Intelligenz reduzieren lässt, sondern auch Persönlichkeit, Motivation, Werte, Interessen, Gesundheit und Lebensumstände umfasst.
Definitionen von Underachievement
In der Forschung werden Definitionen von Underachievement meist als Arbeitsdefinitionen genutzt, also als klar formulierte Kriterien, mit denen man Fälle für Studien oder Förderentscheidungen vergleichbar machen kann. Ein klassisches Beispiel ist eine rein schulbezogene Klassenraumdefinition: Shaw (1964) empfahl, hochbegabte Schüler als Underachiever einzuordnen, wenn ihre intellektuellen Fähigkeiten gemessen am IQ in den oberen 25 Prozent ihrer Klasse liegen, ihre Schulleistungen aber unter dem Klassendurchschnitt bleiben. Eine noch striktere, zahlenbasierte Cut-off-Definition stammt von Hanses und Rost (1998): Hochbegabte Underachiever seien Schulkinder mit einem IQ im Perzentil von mindestens 96, bei gleichzeitigem Leistungsperzentil von höchstens 50. Und als übergeordnete, nicht auf einen bestimmten Test festgelegte Definition wird eine expertengestützte Formulierung verwendet, die den Kern des Konstrukts bewahren soll: Underachiever sind talentierte Personen, deren aktuelle Leistungen unter den Erwartungen von Expertinnen und Experten liegen; ohne Intervention führt dies zu einer ungünstigen Prognose für das Erreichen von Exzellenz.
In der Praxis findest du verschiedene Formulierungen, die alle in dieselbe Richtung zeigen. Manche sprechen von einer Diskrepanz zwischen Fähigkeit und Leistung, andere von nicht ausgeschöpftem Potenzial, wieder andere von Leistung unter Erwartungsniveau. Diese Begriffe klingen ähnlich, aber sie transportieren unterschiedliche Untertöne. Diskrepanz betont eher die Beobachtung. Nicht ausgeschöpftes Potenzial klingt schnell nach Versäumnis. Leistung unter Erwartung kann unbemerkt eine Norm enthalten, die gar nicht zur Person passt. Für Eltern, Lehrkräfte und Selbstbetroffene ist deshalb weniger entscheidend, welche Formulierung gerade verwendet wird, sondern welche Annahme darin steckt. Wird Underachievement als stabiler Charakterzug verstanden oder als veränderlicher Zustand. Wird implizit unterstellt, dass jemand nur mehr Disziplin bräuchte, oder wird gefragt, welche Bedingungen gerade verhindern, dass Fähigkeiten in Leistung übersetzt werden.
Underachievement ist keine Persönlichkeitseigenschaft
Genau an diesem Punkt wird die gängige Personenzuschreibung problematisch. Im Alltag wird aus „zeigt Underachievement“ sehr schnell „ist ein Underachiever“. Das klingt wie eine Identität und damit wie etwas Dauerhaftes. Für viele Menschen hat dieses Label eine enorme Sogwirkung, besonders wenn es endlich eine Erklärung für ein schmerzhaftes Erleben liefert. Gleichzeitig kann es eine ungünstige Identifizierung begünstigen, weil es die Perspektive verengt. Wer sich als Underachiever sieht, erlebt sich leichter als grundsätzlich defizitär oder als jemand, der eben nicht liefert. Eltern können in Sorge geraten, ihr Kind würde sein Leben verfehlen. Lehrkräfte können die Erwartung entwickeln, dass dieses Kind vor allem an Motivation und Willenskraft scheitert. Das ist gefährlich, weil Underachievement in den allermeisten Fällen nicht beschreibt, wer jemand ist, sondern was gerade passiert. Es ist eine Momentaufnahme in einem Leistungsfeld und sie ist häufig stark abhängig von Passung, Sinn, Autonomie, Beziehungssicherheit, Lernumgebung, Überforderung, Unterforderung, emotionalem Stress, Gesundheit, Lebensphase und innerer Selbstwirksamkeit. Wenn sich diese Bedingungen verändern, kann sich auch das Leistungsbild verändern. Deshalb ist es fachlich fairer und menschlich hilfreicher, Underachievement als Hinweis zu behandeln, genauer hinzuschauen, statt als Etikett, das man einer Person anheftet.
Intelligenz verpflichtet nicht zur Leistung im klassischen Sinne
Dazu kommt ein zweiter Punkt, der für viele Betroffene zentral ist und oft nicht klar genug gesagt wird. Underachievement enthält in unserer Leistungskultur fast automatisch eine moralische Wertung. Das Wort suggeriert leicht, dass da etwas falsch läuft, dass jemand seine Chance nicht nutzt oder seiner Verantwortung nicht gerecht wird. Gerade bei hochbegabten Kindern und Erwachsenen schwingt häufig ein unausgesprochenes „Du müsstest doch“ mit. Diese Haltung ist zwar verständlich, weil Außenstehende das Potenzial sehen und sich wünschen, es möge sichtbar werden, aber sie ist nicht neutral. Eine gemessene Hochbegabung verpflichtet nicht zur klassischen Leistung. Hohe kognitive Fähigkeiten sind eine Möglichkeit, kein Auftrag und kein Beweis für einen bestimmten Lebensweg. Menschen sind nicht dafür da, aus Talent möglichst viel Output zu produzieren, sondern um ein stimmiges Leben zu führen. Stimmig heißt, dass Fähigkeiten sich in einer Weise entfalten, die dem Menschen guttut, seinen Werten entspricht und zu seinem Nervensystem, seinen Bedürfnissen und seiner Lebensrealität passt. Das kann bedeuten, dass jemand in einem System, das stark auf Vergleich, Druck und Standardisierung setzt, nicht „funktioniert“, obwohl er sehr begabt ist. Es kann auch bedeuten, dass sich das, was in einem Menschen verwirklicht werden will, nicht in Noten, Titeln oder Status ausdrückt, sondern in Kreativität, Beziehungsgestaltung, Tiefe, Verantwortung, Ethik, Fürsorge oder in einer Lebensform, die weniger sichtbar ist. Underachievement ist dann nicht automatisch ein persönliches Versagen, sondern kann ein Signal für fehlende Passung oder für innere Schutzmechanismen sein.
Für Lehrkräfte und Eltern ist damit ein praktischer Perspektivwechsel verbunden. Wenn ein Kind oder Jugendlicher deutlich hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt, ist die wichtigste Frage nicht, wie man es zu mehr Leistung drängt, sondern wodurch die Übersetzung von Können in Leistung gerade blockiert wird und ob das, was als Leistung gefordert wird, für dieses Kind im Moment überhaupt einen sinnvollen, sicheren Rahmen hat. Für Selbstbetroffene gilt etwas Ähnliches. Die Frage „Warum mache ich so wenig aus mir“ führt oft in Scham und Druck. Hilfreicher ist die Frage „Unter welchen Bedingungen komme ich in meine Kraft und was will ich wirklich ausdrücken und leben“. Das ist keine Ausrede, sondern ein realistischer Zugang zu Entwicklung, weil er die Person nicht auf ein Label reduziert, sondern sie als komplexes System ernst nimmt.
Die Verwendung des Begriffs „Underachiever“
Ich werde in diesem Artikel den Begriff Underachiever trotzdem verwenden, weil er bekannt ist und weil Menschen nach ihm suchen. Das ist ein pragmatischer Schritt, damit der Text überhaupt gefunden wird. Gleichzeitig ist mir wichtig, dass du diesen Begriff nicht als Identität liest. Wenn du dich selbst so nennst oder wenn du dein Kind so bezeichnet, behalte im Hinterkopf, dass es dabei nicht um ein Wesen geht, sondern um eine Beschreibung eines Spannungsfeldes. Achtsam damit umzugehen heißt, die Beobachtung ernst zu nehmen, ohne daraus ein Urteil über den Wert oder die Zukunft einer Person abzuleiten. Underachievement beschreibt eine Differenz zwischen Möglichkeit und sichtbarem Output. Es sagt aber nicht, wer jemand ist und es sagt auch nicht, wozu ein Mensch verpflichtet wäre.
Underachievement erkennen
Bei hochbegabten Kindern ist Underachievement am leichtesten dort erkennbar, wo Leistung vergleichbar dokumentiert wird. Das sind vor allem Schule und Ausbildung. Ein klassischer Hinweis ist eine deutliche, über längere Zeit stabile Diskrepanz zwischen dem, was ein Kind kognitiv leisten kann, und dem, was es im schulischen Alltag tatsächlich zeigt. Diese Diskrepanz kann sichtbar werden, wenn ein Kind in Gesprächen, Problemlöseaufgaben, Interessenprojekten oder in Tests außergewöhnliche Denkbeweglichkeit, schnelles Erfassen und hohe Tiefe zeigt, während die schulischen Ergebnisse im Verhältnis dazu überraschend mittelmäßig oder schwach bleiben. Typische äußere Marker sind dauerhaft schwankende oder unerwartet niedrige Noten, auffällige Leistungseinbrüche beim Übergang in anspruchsvollere Schulformen, häufige vergessene Hausaufgaben, chaotisches Arbeitsverhalten, eine auffällig niedrige Prüfungsleistung trotz guter mündlicher Beiträge, häufige Fehlzeiten, Vermeidung von Leistungssituationen, wiederholte Kurswechsel, Sitzenbleiben oder ein abrupter Abbruch von anspruchsvolleren Wegen, obwohl die Fähigkeiten eigentlich tragen müssten. In der Forschung ist die Idee, Underachievement als Diskrepanz zwischen erwartbarer und tatsächlicher Leistung zu verstehen, breit anschlussfähig, auch wenn die konkrete Messlogik im Detail variiert.
Gleichzeitig ist es wichtig zu wissen, dass Underachievement bei Hochbegabung nicht nur als äußerer Leistungsoutput existiert. Viele hochbegabte Kinder zeigen nach außen noch akzeptable Ergebnisse, zahlen dafür aber innerlich einen hohen Preis. Diese innere Form von Underachievement sieht man eher an Begleitzeichen als an Noten. Dazu gehören ein ungewöhnlich hoher Aufwand für durchschnittliche Resultate, massives Overthinking, lähmender Perfektionismus, starke Prüfungsangst, Prokrastination, ein dauerhafter Kampf gegen Selbstzweifel, chronische Unzufriedenheit trotz objektiv guter Leistungen, ausgeprägte Erschöpfung nach schulischen Anforderungen oder eine auffällige Diskrepanz zwischen kreativer, interessengeleiteter Leistungsfähigkeit und blockierter Leistungsfähigkeit unter Druck. Für Lehrkräfte und Eltern ist das relevant, weil man sonst leicht übersieht, dass ein Kind zwar formal funktioniert, aber seine Begabung nicht frei und gesund entfalten kann. Gerade bei Hochbegabung ist es zudem häufig, dass Kinder früh durch Kompensation, Anpassung oder reines Durchhalten noch lange „mitlaufen“, bis die Anforderungen kippen oder die innere Belastung zu groß wird. Dann wirkt es plötzlich, obwohl es sich oft über Jahre aufgebaut hat.
Underachievement bei hochbegabten Erwachsenen erkennen
Bei hochbegabten Erwachsenen ist das Erkennen noch anspruchsvoller, weil Leistung nicht mehr so eindeutig über Noten und standardisierte Vergleiche definiert ist. Dennoch gibt es typische Muster. Äußeres Underachievement kann sich zeigen als wiederholte Studien oder Berufsabbrüche, häufige Richtungswechsel ohne Integration der Lernschritte, dauerhaftes Unterfordern bei gleichzeitigem innerem Druck, chronische Unterbezahlung im Verhältnis zu Kompetenz, anhaltendes Vermeiden von Verantwortung trotz hoher Fähigkeit oder das Feststecken in Rollen, in denen die Person deutlich unter Komplexitätsniveau arbeitet. Inneres Underachievement zeigt sich bei Erwachsenen oft als ständiges Gefühl, sich nicht wirklich zu verwirklichen, als dauerhaftes Erleben von angezogener Handbremse, als Angst vor Sichtbarkeit, als Perfektionismusblockade, als Zynismus oder innerer Rückzug trotz hoher Ideenkraft, oder als paradoxe Kombination aus hoher intellektueller Klarheit und geringer Umsetzung im Alltag. Hier ist die zentrale Frage weniger, ob jemand objektiv erfolgreich ist, sondern ob es über Zeit eine stabile Diskrepanz gibt zwischen dem, was eine Person nachweislich kann, und dem, was sie in ihren relevanten Lebensbereichen tatsächlich realisiert, und ob das mit deutlichem Leidensdruck, chronischer Stagnation oder ungünstigen Entwicklungsfolgen verbunden ist.
Nicht nur kurzfristige Leistungseinbrüche, sondern ein Muster
Ein sinnvoller Kompass ist dabei immer die Unterscheidung zwischen einem vorübergehenden Leistungsloch und einem Underachievement Muster. Vorübergehende Phasen mit niedrigem Output sind normal und können sogar entwicklungslogisch sein, etwa bei Trauer, Krisen, Krankheit, neurodivergenten Belastungen, familiärem Stress, Mobbing oder schlicht mangelnder Passung. Von Underachievement spricht man erst dann sinnvoll, wenn die Diskrepanz über eine relevante Zeitspanne besteht und wenn sie nicht plausibel allein durch eine kurzfristige Ausnahmesituation erklärt werden kann. Außerdem lohnt sich ein systemischer Blick, weil Hochbegabung häufig mit besonderen Bedürfnissen an Autonomie, Sinn, Tiefe, Beziehungssicherheit und Reizmanagement einhergeht. Fehlt diese Passung, kann Leistung einbrechen, obwohl Fähigkeit unverändert vorhanden ist.
Underachievement wird oft lange kompensiert
Warum fällt Underachievement so oft spät auf? Weil viele hochbegabte Kinder und Erwachsene lange kompensieren können. In der Grundschule tragen Intelligenz, schnelles Verstehen und gutes Gedächtnis häufig noch durch, auch ohne Lernstrategien, ohne Arbeitshaltung und ohne echte Passung. Wenn die Anforderungen später komplexer werden, wenn Selbstorganisation, Frustrationstoleranz und langfristiges Dranbleiben wichtiger werden, oder wenn äußere Motivatoren wegfallen, wird sichtbar, was vorher verdeckt war. Dazu kommt, dass Hochbegabung nicht nur Vorteile bringt, sondern in manchen Umfeldern auch soziale Anpassungsstrategien auslöst, etwa sich klein machen, nicht auffallen, keine Angriffsfläche bieten, Erwartungen erfüllen statt sich zu entfalten. Diese Muster können jahrelang Leistung scheinbar stabilisieren, bis sie irgendwann zusammenbrechen.
Underachievement ist ein inneres und/oder äußeres Passungsproblem
Ein letzter Punkt ist mir als Einordnung wichtig, weil er in der Praxis ständig Missverständnisse erzeugt: Unsere Leistungskultur interpretiert Underachievement schnell moralisch, nach dem Motto, die Person müsse sich nur mehr anstrengen oder mehr wollen. Das ist für Betroffene und Familien oft verletzend und für Lehrkräfte oft irreführend. Sehr häufig liegen die Ursachen nicht im fehlenden Willen, sondern in Passungsproblemen, ungünstigen Lernumgebungen, fehlenden Strategien, emotionaler Unsicherheit, chronischem Stress, Über und Unterforderung, neurodivergenten Profilen, unerkannten Teilleistungsproblemen, mentaler Gesundheit, Beziehungserfahrungen und einem Sinnverlust, der bei Hochbegabung besonders stark leistungshemmend sein kann. Das heißt nicht, dass Anstrengung unwichtig ist. Es heißt nur, dass Anstrengung ohne die richtige Passung und ohne die richtigen Hebel oft nicht das Problem löst, sondern es verschärft. Genau deshalb ist das Erkennen von Underachievement nicht primär eine Suche nach einem Label, sondern der Startpunkt für eine bessere Frage: Welche Bedingungen braucht diese Person, damit Fähigkeit sich gesund, stimmig und nachhaltig in Entwicklung und Leistung übersetzen kann.
Faktoren, die Underachievement begünstigen und aufrechterhalten können
Die Ursachen von Underachievement sind multifaktoriell. Das bedeutet, dass meist ein Sammelsurium von Gründen und Faktoren zu einer geringeren Leistung führen und es nicht die eine einzige Ursache gibt. Es wird dabei unterschieden zwischen inneren und äußeren Faktoren, die das Underachievement beeinflussen. Dabei ist es schwierig zu differenzieren, was Ursache und was Folge das Underachievements ist. So kann eine negative Einstellung der Schule gegenüber dazu führen, dass die Anstrengungsbereitschaft sinkt. Gleichzeitig ist eine Ablehnung des Schulsystems aber oft auch eine Folge von Underachievement: Mit der Abwertung soll das eigene Selbstwertgefühl geschützt werden. Der Vollständigkeit halber mag ich an dieser Stelle aber darauf hinweisen, dass die Ablehnung des Schulsystems ja teilweise auch sehr gute Gründe haben kann. Es ist nicht alles toll und entspricht in vielen Aspekten nicht den Bedürfnissen der Kinder. Das finde ich wichtig im Hinterkopf zu behalten, denn eine solche Einstellung kann zwar durchaus eine Bewältigungsstrategie sein, es bedeutet aber nicht, dass dahinter nicht auch Wahrheit steckt.
Eine Hochbegabung benötigt günstige Persönlichkeitsfaktoren und unterstützende Umweltfaktoren, um in eine Hochleistung umgesetzt zu werden. Münchner Hochbegabungsmodell von Heller u. a. (2000); in Reichardt (2018). Grafik LMD.
Wenn das Umfeld nicht hinreichend unterstützen kann
Um in einem bestehenden System gut zu performen, müssen also Bedingungen gegeben sein, die nicht immer vollständig unter dem Einfluss der vom Underachievement betreffenden Person liegen. Das können äußere Faktoren sein wie Unterforderung (darauf gehe ich gleich noch gesondert ein), Langeweile, Reizfaktoren (z. B. Lautstärke), mangelnde Förderung, unmotivierte Lehrer, Schwierigkeiten mit Klassenkamerad:innen oder bei erwachsenen Underachievern Probleme mit dem Chef, mit Kolleg:innen, langweilige und repetitive Aufgaben oder auch Aufgaben, die einfach keine persönliche Bedeutung haben.
Weiterhin spielt das private und familiäre Umfeld eine große Rolle. Wer in einem leistungsbegeisterten Umfeld verkehrt, gewinnt daraus selbst Energie und Motivation. Nicht umsonst heißt es häufig, man sei der Durchschnitt der fünf Personen, mit denen man die meiste Zeit verbringt. Wie sind deine engsten Menschen eingestellt? Was macht sie aus? Fühlst du dich nach der Begegnung reicher und genährter als vorher?
Bei Kindern, die ins Underachievement fallen, spielt zudem die familiäre Stimmung eine große Rolle. Inkonsistente Erziehungsstile oder auch zu strikte oder zu lasche Stile können dafür sorgen, dass ein Kind nicht genug Halt erfährt, um mit Herausforderungen effektiv umzugehen. Auch die Bindungssicherheit kann eine Rolle spielen. Um zu explorieren, neugierig unsere Welt zu entdecken, müssen wir uns sicher fühlen.
In der Elternberatung erlebe ich oft, dass die Eltern selbst sehr verunsichert von der Situation sind. Manchmal kommen dann auch eigene Vorurteile und Überzeugungen zum Thema Hochbegabung und Leistung hoch. Manchmal Dinge, die sie selbst nicht hinreichend verarbeiten konnten.
Daher ist die beste Methode deinem Kind zu helfen manchmal die, dass du dafür sorgst, dass es dir selbst gut geht.
Wie sich langanhaltende Unterforderung auswirken kann
Lehwald (2017) geht in seinem Werk „Motivation trifft Begabung“ der Hypothese nach, dass Underachievement dadurch ausgelöst werden kann, dass Hochbegabte nicht ihrer Tätigkeitsmotivation folgen können. Er definiert Tätigkeitsmotivation als die intrinsische (d. h. von innen kommende) Motivation, die der Neugier, der Wissbegier und dem natürliche Erkenntnisstreben der Hochbegabten folgt und zu einer Arbeit im Flowzustand führen kann. Er grenzt die Tätigkeitsmotivation von der Leistungsmotivation ab, die extrinsisch (d. h. Von außen kommend) motiviert ist und auf Belohnungen beruht.
(Anmerkung: Im Grunde gehören beide Motivationsformen in die Unterkategorie „Leistungsmotivation“. In meiner Arbeit mit der PSI-Theorie spreche ich von intrinsischer und extrinsischer Motivation. Um Verwirrungen zu vermeiden, werde ich das hier auch im weiteren Text tun. Tätigkeitsmotivation nach Lehwald = intrinsische Leistungsmotivation, Leistungsmotivation nach Lehwald = extrinsische Leistungsmotivation.)
Die intrinsische Leistungsmotivation gewährt einen „Genuss am Schaffensprozess selbst und in der beharrlichen Suche nach einer eigenständigen und originellen Lösung“ (Lehwald, 2017, S. 19). Anzeichen des Erkenntnisstrebens:
– Bevorzugen selbstständiger geistiger Arbeit
– Streben nach Selbstvervollkommnung
– affektiv-emotionale Zuwendung zu Problemen (sogenanntes Flow-Erleben)
– beständiges Interesse an zusätzlichen Informationen
– Wunsch, bei der Erkenntnisgewinnung moralische Standards einzuhalten
– die Neigung, nicht aufzugeben und Schwierigkeiten weitgehend eigenständig zu meistern.
Während Kinder im Vorschulalter noch völlig ihren eigenen Interessen folgen können (wer hochbegabte Kinder hat, der kennt es: Die ewigen Warum-Fragen 😉 ), werden sie ab dem Eintritt in die Schule in ein vorgefertigtes System gepresst, das nicht immer ihren natürlichen Bedürfnissen entspricht. Gerade in Deutschland und Österreich ist das Schulsystem sehr auf reproduktives Lernen ausgelegt, was der natürlichen Art zu Lernen nicht gerade entgegen kommt (Neubauer & Stern, 2009).
Arbeit im Flow als Optimalzustand
Viele Hochbegabte wählen am liebsten selbst, mit welchen Aufgaben sie sich befassen und welchen Schwierigkeitsgrad diese haben. Mit dieser Strategie kommen sie in einen Zustand, der nach dem Glücksforscher Mihály Csíkszentmihályi (2014) als „Flow“ bezeichnet wird. In diesem Zustand wird eine völlige Versunkenheit, wenn nicht sogar Verschmelzung mit dem Lerngegenstand/der Tätigkeit erlebt (intrinsische Leistungsmotivation). Man muss sich nicht willentlich konzentrieren, die Konzentration kommt wie von selbst. Trotz voller Kapazitätsauslastung wird die Tätigkeit als kontrollierbar erlebt, es herrscht Ordnung im Bewusstsein. Die Beschäftigung mit dem Thema bereitet einem Freude, die Umwelt wird vergessen, manchmal sogar das Essen und Schlafen.
Die meisten Hochbegabten kennen das Arbeiten im Flow, doch einigen gelingt es nicht, diesen Zustand in der Schul- und Arbeitswelt mit vorgegebenen Aufgaben zu erreichen. Denn dafür braucht es die Balance zwischen der Fähigkeit auf hohem Niveau und der gestellten Anforderung, die allerdings zu niedrig liegt.
Die gestellten Anforderungen müssen zu unseren Fähigkeiten passen, um einen Flow-Zustand erleben zu können. Liegen die Anforderungen im Verhältnis zu den Fähigkeiten zu hoch, fühlen wir uns überfordert und zeigen Stresssymptome. Andersherum können die Anforderungen aber auch zu niedrig sein. Kurzzeitig langweilen wir uns, langfristig können sich aber auch hier ernsthafte Stresssymptome zeigen. Abbildung angelehnt an Csíkszentmihály (2014, S. 107).
Selbstregulation und Selbstkonzept spielen eine Schlüsselrolle
Hochbegabte Personen im Underachievement haben nach meiner Hypothese ein schmaleres Flow-Fenster. Das bedeutet, dass sie schneller unter- und überfordert sind. Das hat gute Gründe: Die kognitiven Fähigkeiten sind oftmals deutlich höher als die selbstregulativen Fähigkeiten. Diese braucht es aber auch, um erfolgreich zu sein. Was ist damit gemeint? Neben den genannten äußeren Faktoren, die Underachievement begünstigen können, spielen innere Faktoren eine mindestens genauso wichtige Rolle. Wer sehr perfektionistisch ist, Angst vor Misserfolgen hat, während der Arbeit zu gestresst ist oder sich nicht richtig motivieren kann, wer Schwierigkeiten hat den Fokus zu halten – hat es logischerweise schwerer, eine Leistung zu erbringen wie hochbegabte Peers, die diese Herausforderungen nicht haben. Denn wenn du dir die Grafik zum Flow-Zustand einmal genau anschaust: Der Schwierigkeitsgrad steigt zusätzlich zur Aufgabe selbst, wenn die Selbststeuerungskompetenzen nicht ausreichend ausgebildet sind. Und zack, bist du in der Überforderung. Allerdings kann die Aufgabe dann nicht einfach leichter gemacht werden, denn dann fehlt der Belohnungseffekt. Knifflig, oder?
Wenn die Selbststeuerungskompetenzen (noch) nicht richtig ausgebildet sind
Hochbegabte Kinder wirken nach außen oft so, als würden sie vieles mühelos schaffen. Genau darin liegt aber manchmal ein Problem, das lange übersehen wird. Ein Kind, das kaum üben muss, wie es mit Anstrengung, Unsicherheit oder Frust umgeht, kann in bestimmten Bereichen erstaunlich unreif bleiben, obwohl es kognitiv weit voraus ist. Selbststeuerung entsteht nämlich nicht einfach automatisch aus hoher Intelligenz. Sie entwickelt sich vor allem dort, wo ein Kind an Aufgaben wächst, die wirklich zu ihm passen. Also dort, wo es mitdenken, aushalten, nachjustieren, sich sammeln und erneut ansetzen muss. Exekutive Funktionen und Selbstregulation gelten in der Forschung als zentrale Grundlagen für Lernen und Entwicklung. Dazu gehören unter anderem die Fähigkeit, Aufmerksamkeit gezielt zu steuern, Impulse zu hemmen, Informationen im Arbeitsgedächtnis zu halten, flexibel umzudenken, planvoll vorzugehen und das eigene Handeln zu überprüfen. Diese Fähigkeiten bilden sich nicht im luftleeren Raum aus, sondern in der aktiven Auseinandersetzung mit echten Anforderungen.
Wenn ein hochbegabtes Kind in der Grundschule über lange Zeit Aufgaben bekommt, die es praktisch ohne Anstrengung bewältigen kann, dann ist das nicht einfach nur ein bisschen langweilig. Es fehlt ihm dann oft genau der Erfahrungsraum, in dem Frustrationstoleranz, Ausdauer und eine gesunde Leistungshaltung wachsen könnten. Warum sollte ein Kind lernen, bei etwas dranzubleiben, das es ohnehin sofort kann. Warum sollte es Strategien entwickeln, Fehler aushalten oder sein Vorgehen bewusst überprüfen, wenn Erfolg fast immer ohne diese Schritte eintritt. Das Kind trainiert dann zwar möglicherweise weiter seine Schnelligkeit, sein Mustererkennen oder sein inhaltliches Verständnis, aber nicht automatisch seine Fähigkeit, mit Herausforderung konstruktiv umzugehen.
Besonders heikel ist, dass hochbegabte Kinder dadurch ein ungünstiges inneres Lernmuster entwickeln können. Sie erleben dann früh vor allem eines: Entweder etwas gelingt sofort, oder es fühlt sich falsch an. Was nicht direkt klappt, kann sich ungewohnt bedrohlich, kränkend oder entmutigend anfühlen. Nicht weil das Kind schwach wäre, sondern weil ihm schlicht die passende Übung fehlt. Es hat womöglich nie wirklich verinnerlicht, dass Anstrengung ein normaler Teil von Lernen ist. Genau daraus kann später Vermeidung entstehen. Manche Kinder ziehen sich dann zurück, andere beginnen zu trödeln, wirken unkonzentriert oder entwickeln eine auffällige Lustlosigkeit. Wieder andere schützen ihr Selbstbild, indem sie Schwieriges gar nicht erst ernsthaft angehen. Das ist dann nicht selten keine Faulheit, sondern ein Schutzmechanismus. Die Forschung zu Underachievement zeigt ziemlich klar, dass Schülerinnen und Schüler im Underachievement im Mittel schwächere selbstregulierte Lernstrategien, geringere Kompetenzüberzeugungen, weniger mastery goals (es wird unterschieden in mastery goals und performance goals: Bei performance goals geht es darum ein bestimmtes externes Ziel zu erreichen, zum Beispiel gute Noten und die Anerkennung der Eltern. Bei mastery goals geht es darum, etwas Neues zu lernen, zu entdecken, die eigene Kompetenz zu verbessern. Das ist in etwa vergleichbar mit dem, was Lehwald als Leistungsmotivation und Tüätigkeitsmotivation beschreibt) und mehr externalen Kontrollfokus zeigen als nicht untererreichende Vergleichsgruppen. Diese Zusammenhänge sind gut belegt, auch wenn sie natürlich nicht jede einzelne Biografie vollständig erklären.
Für hochbegabte Kinder ist deshalb nicht nur Förderung im Sinne von mehr Stoff wichtig. Mindestens genauso wichtig ist die Passung des Schwierigkeitsgrades. Ein Kind braucht Aufgaben, die es nicht beschämen, aber ihm auch nicht dauerhaft signalisieren, dass es sich niemals wirklich anstrengen muss. Es braucht Lerngelegenheiten, die anspruchsvoll genug sind, damit es merken kann: Ich kann etwas noch nicht und ich kann lernen, damit umzugehen. Genau in solchen Momenten wachsen häufig die Fähigkeiten, die später so entscheidend sind. Frustration zu regulieren. Nicht sofort aufzugeben. Sich bewusst zu organisieren. Strategien zu wechseln, wenn etwas nicht funktioniert. Fehler als Information zu nutzen statt als Bedrohung. Und auch die innere Bereitschaft, freiwillig Schwieriges zu wählen, statt sich nur im Leichten einzurichten.
Das ist ein wichtiger Punkt für Eltern und Lehrkräfte, weil hochbegabte Kinder von außen oft kompetenter wirken, als sie in diesem Bereich tatsächlich schon sind. Ein Kind kann gedanklich weit sein und gleichzeitig wenig Übung darin haben, mit innerer Reibung umzugehen. Es kann brillant analysieren und dennoch schnell entmutigt sein, sobald etwas nicht sofort gelingt. Es kann über einen großen Wortschatz verfügen und trotzdem kaum gelernt haben, wie man sich durch eine wirklich fordernde Aufgabe hindurchsteuert. Wenn man das nicht versteht, werden solche Kinder leicht falsch eingeschätzt. Dann heißt es plötzlich, sie seien bequem, unmotiviert oder arrogant. Dabei fehlt manchmal schlicht die Entwicklungserfahrung, an einer passenden Schwierigkeit zu reifen.
Underachievement bei Hochbegabung ist deshalb oft nicht einfach ein Leistungsproblem. Es ist in vielen Fällen auch ein Passungsproblem. Wenn Anforderungen über lange Zeit zu niedrig sind, wird nicht nur Potenzial verschenkt. Es kann auch genau der Aufbau jener inneren Kompetenzen ins Stocken geraten, die Kinder später brauchen, um mit ihrem Potenzial überhaupt tragfähig umgehen zu können. Das betrifft nicht nur schulischen Erfolg, sondern auch das Gefühl von Selbstwirksamkeit. Ein hochbegabtes Kind, das nie angemessen gefordert wurde, lernt womöglich viel zu spät, dass es stark sein darf, ohne immer sofort glänzen zu müssen. Und dass Reibung nicht bedeutet, dass mit ihm etwas nicht stimmt, sondern oft einfach, dass jetzt gerade echte Entwicklung stattfindet.
Chronische Unterforderung kann ein wichtiger Übergang ins Underachievement sein. Wenn ein hochbegabtes Kind über längere Zeit kaum auf echte Anforderungen trifft, nimmt häufig zuerst das Flow Erleben ab. Es geht immer seltener wirklich in einer Aufgabe auf, weil diese innerlich nichts mehr in Bewegung bringt. Damit sinkt oft auch die Lust, sich einzubringen. Was keinen Sinn, keine Spannung und keine echte Resonanz bietet, ruft auf Dauer weniger Begehren hervor. In der Folge lässt häufig auch die Anstrengungsbereitschaft nach. Warum sollte ein Kind lernen, sich zu bemühen, wenn Erfolg entweder mühelos kommt oder bedeutungslos geworden ist? Mit der Zeit kann sich auch die Attribuierung verändern. Schwierigkeiten werden dann nicht mehr als normaler Teil von Lernen verstanden, sondern ungünstig gedeutet. Das kann den Selbstwert angreifen. Die Person fühlt sich als Versager und wertet sich und/oder andere (Lehrer, Chef, Schule usw.) ab. Das kann wiederum lernbezogene Angst verstärken. Die ganze Situation wird als beschämend empfunden. So kann aus anhaltender Unterforderung schrittweise ein Muster entstehen, das in Underachievement mündet.
Wenn dann das Underachievement auffällig wird, ist das Kind dann oft bereits in den Brunnen gefallen. Auf einmal reicht die Intelligenz alleine nicht mehr aus, während andererseits aber eben nicht die mentalen und emotionalen Kompetenzen entwickelt wurden, die für den Umgang mit der Aufgabe erforderlich sind. Aufgrund dieser Entwicklung ringe ich in der Elternberatung manchmal mit mir, wenn Grundschulkinder frühe Anzeichen von Unterforderung zeigen. Denn wenn sich das Underachievement erst einmal manifestiert hat, braucht es einen sehr einfühlsamen und manchmal langwierigen Prozess, bis sich das Kind oder der Erwachsene in Leistungssituationen wieder wohl und sicher fühlt. Andererseits will ich aber auch nicht unnötig Angst verbreiten: Nicht jede Unterforderung mündet in einem Underachievement.
Wie sich Underachievement anfühlen kann
Underachievement ist nicht nur ein Leistungsproblem. Es ist oft eine tiefe seelische Belastung. In der Literatur und in der Praxis zeigt sich immer wieder, dass es dabei nicht einfach um zu wenig Einsatz geht, sondern um einen schmerzhaften inneren Konflikt. Menschen im Underachievement erleben häufig, dass sie spüren oder gespiegelt bekommen, dass in ihnen viel steckt, sie dieses Potenzial aber nicht so leben, umsetzen oder zeigen können, wie sie es eigentlich möchten. Genau diese Diskrepanz ist oft schwer auszuhalten. Sie macht etwas mit dem Selbstbild, mit dem Mut, mit der Beziehung zum Lernen und nicht selten mit dem ganzen Leben.
Ein zentrales Gefühl dabei ist Scham. Nicht bloß Enttäuschung, sondern Scham. Enttäuschung sagt noch: Es ist etwas nicht gelungen. Scham geht tiefer. Sie sagt: „Mit mir stimmt etwas nicht.“ Viele Betroffene tragen innerlich Sätze in sich wie:
- „Ich müsste doch viel weiter sein.“
- „Andere würden aus meinen Möglichkeiten viel mehr machen.“
- „Ich habe kaum Grund, stolz auf mich zu sein.“
- „Vielleicht bin ich am Ende doch einfach ein Versager.“
Solche inneren Sätze sind nicht theatralisch, sondern oft bitter ernst. Nach außen wirken manche Underachiever klug, reflektiert, humorvoll oder lässig. Innerlich erleben sie sich jedoch oft als jemand, der hinter sich selbst zurückbleibt.
Diese Scham kann sehr früh entstehen. Zum Beispiel dann, wenn ein Kind immer wieder erlebt, dass es zwar grundsätzlich viel versteht, aber im entscheidenden Moment nicht liefert. Oder wenn es merkt, dass andere mehr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten haben als man selbst. Oder wenn es spürt, wie viel Potenzial andere in einem sehen, man dieses Potenzial aber nicht stabil in Form bringen kann. Dann wird Begabung nicht nur zu etwas Schönem, sondern auch zu einer Last. Sie wird zu einem Spiegel, in dem man ständig sieht, was alles möglich wäre, und gleichzeitig schmerzhaft bemerkt, dass man es gerade nicht lebt.
Viele hochbegabte Kinder und Jugendliche entwickeln dadurch eine sehr angespannte Beziehung zu Leistungssituationen. Sie fürchten nicht nur das Scheitern an sich, sondern die Beschämung, die damit verbunden sein könnte. Sie melden sich nicht, obwohl sie die Antwort vielleicht wissen, wenn sie sich nicht ganz sicher fühlen. Sie denken so lange nach, ob ihre Antwort wirklich richtig genug ist, dass der Moment längst vorbei ist. Sie vermeiden es, sich sichtbar zu machen, weil eine falsche Antwort sich nicht wie ein kleiner Irrtum anfühlt, sondern wie eine soziale und innere Entblößung. Nicht selten reicht schon eine einfache Frage der Lehrkraft, um innere Unruhe auszulösen. Der Kopf wird plötzlich leer, Gedanken verheddern sich, die Antwort ist eigentlich da und gleichzeitig nicht zugänglich. In Klassenarbeiten oder Prüfungssituationen entstehen Fehler nicht nur aus Wissenslücken, sondern aus Anspannung, Übererregung und innerem Druck.
Lernbezogene Angst gehört deshalb sehr häufig zum Erleben von Underachievement. Lernen ist dann nicht mehr einfach ein Raum für Neugier, Entwicklung und Wirksamkeit. Es wird zu einem Feld, das mit Unsicherheit, innerem Alarm und Selbstbeobachtung aufgeladen ist. Manche Betroffene wirken nach außen unkonzentriert, aufschiebend oder lustlos, erleben innerlich aber keineswegs Gleichgültigkeit. Im Gegenteil. Sie erleben häufig zu viel. Zu viel Druck, zu viel Selbstkontrolle, zu viel Angst, es falsch zu machen. Oft entsteht dann ein paradoxer Zustand: Man möchte es gut machen, aber genau dieser Wunsch macht das Anfangen, Denken und Handeln schwerer. Die Aufgabe ist nicht nur eine Aufgabe, sondern auch eine Prüfung des eigenen Wertes.
Mit der Zeit verändert das oft den ganzen Bezug zum eigenen Selbst. Wer über Jahre erlebt, dass Potenzial und tatsächliche Leistung immer wieder auseinanderfallen, beginnt häufig, sich selbst immer ungünstiger zu interpretieren. Anfangs ist da vielleicht noch der Gedanke: „Ich könnte mehr, wenn ich wollte.“ Später wird daraus leicht: „Ich kriege es wohl einfach nicht hin.“ Und irgendwann vielleicht: „Ich bin jemand, der sein Leben nicht auf die Reihe bekommt.“ Genau das macht Underachievement so schmerzhaft. Es bleibt nicht bei einzelnen Misserfolgen. Es greift das Selbstbild an. Menschen beginnen, sich nicht mehr als lernfähig, wirksam und entwicklungsfähig zu erleben, sondern als blockiert, unzuverlässig oder defizitär.
Das betrifft nicht nur Kinder und Jugendliche. Auch Erwachsene, die über längere Zeit im Underachievement leben, berichten oft von einer tiefen inneren Kränkung. Nach außen haben sie vielleicht Abschlüsse, Kompetenzen oder sichtbare Stärken. Aber innerlich tragen viele das Gefühl, nie wirklich in ihre Kraft gekommen zu sein. Sie erleben sich als jemand, der hinter den eigenen Möglichkeiten zurückbleibt, Chancen nicht nutzt, zu viel aufschiebt oder zu oft von Angst und Selbstzweifeln gebremst wird. Nicht wenige schämen sich dafür massiv. Manche fühlen sich wie Hochstapler, obwohl sie objektiv viel können. Wieder andere entwickeln eine so starke Angst vor falschen Entscheidungen, dass sie immer länger zögern, immer mehr analysieren und sich dadurch noch stärker blockieren.
In der Praxis zeigt sich oft, dass diese Menschen nicht einfach faul oder undiszipliniert sind. Sie sind häufig innerlich hoch angespannt. Viele haben eine sehr feine Antenne für mögliche Fehler, Kritik oder Bloßstellung entwickelt. Sie wollen nicht einfach nur irgendetwas tun, sondern das Richtige tun. Sie wollen nicht bloß antworten, sondern richtig antworten. Sie wollen nicht nur handeln, sondern sicher sein, dass ihr Handeln nicht peinlich, unklug oder falsch ist. Das führt leicht in eine innere Starre. Dann wird Denken schwer, spontane Beteiligung kaum noch möglich und jede Entscheidung potenziell belastend. Aus lebendiger Intelligenz wird dann nicht selten eine überkontrollierte, selbstkritische und gehemmte Form von Intelligenz.
Langfristig kann Underachievement deshalb weit über Schule oder Beruf hinausreichen. Es verändert oft, wie Menschen sich in Beziehungen zeigen, wie viel Raum sie sich nehmen, wie sehr sie sich etwas zutrauen und wie frei sie mit ihrem eigenen Potenzial umgehen können. Wer stark beschämungssensibel geworden ist, zeigt sich oft auch in anderen Bereichen vorsichtiger. Kreative Prozesse werden schwieriger, weil man nicht unbefangen ausprobieren kann. Gespräche werden anstrengender, weil man gedanklich ständig mitbewertet, wie man wirkt.
Berufliche Entscheidungen werden schwerer, weil jede Möglichkeit zugleich die Gefahr enthält, den eigenen Ansprüchen nicht gerecht zu werden. Auch Freude am Lernen, an Entwicklung oder an Leistung kann deutlich gedämpft sein, wenn all das innerlich mit Druck und Angst verknüpft ist.
Viele entwickeln Schutzstrategien. Manche ziehen sich zurück und wirken still oder passiv. Andere werten Leistung ab, als wäre sie ihnen egal. Manche werden zynisch, provokant oder demonstrativ desinteressiert. Andere perfektionisieren alles so sehr, dass sie kaum noch ins Handeln kommen. Wieder andere springen von Thema zu Thema, weil alles, was wirkliche Verbindlichkeit verlangt, zu riskant wirkt. Und dann gibt es jene, die sich völlig ausbrennen, um bloß nicht zu versagen. Diese Schutzstrategien sind oft verständlich. Sie helfen kurzfristig, das Ausmaß an Scham und Angst nicht ständig fühlen zu müssen. Langfristig verstärken sie das Problem jedoch häufig. Denn je mehr man vermeidet, desto weniger korrigierende Erfahrungen entstehen. Und je weniger korrigierende Erfahrungen entstehen, desto glaubwürdiger wird die innere Geschichte, man könne es eben nicht.
Besonders tragisch ist, dass Menschen im Underachievement sich oft selbst missverstehen. Sie sehen ihre Vermeidung, ihre Aufschiebeprozesse, ihre gehemmte Beteiligung und ihre unstete Leistung und ziehen daraus den Schluss, sie seien undiszipliniert, schwach oder charakterlich mangelhaft. Dabei liegt darunter oft kein Mangel an Tiefe oder Wille, sondern ein inneres Geflecht aus Scham, Angst, enttäuschtem Selbstbild und erlernter Schutzreaktion. Gerade hochbegabte Menschen leiden oft besonders darunter, weil sie sehr genau bemerken, was in ihnen angelegt wäre. Sie sehen die Diskrepanz oft schmerzlich klar. Das macht es schwerer, nicht leichter.
So kann Underachievement sich wie ein stiller Verlust des Vertrauens in die eigene Wirksamkeit anfühlen. Lernen fühlt sich dann nicht frei an, sondern riskant. Leistung fühlt sich nicht belebend an, sondern beschämungsanfällig. Potenzial fühlt sich nicht wie eine Ressource an, sondern wie eine ständige Erinnerung daran, was nicht eingelöst wurde. Und genau deshalb ist es so wichtig, Underachievement nicht oberflächlich als Motivationsmangel zu deuten. Wer verstehen will, was hier geschieht, muss die emotionale Tiefe sehen. Die Scham. Die Angst. Die Selbstzweifel. Die innere Verengung. Und auch die Trauer darüber, sich selbst so oft nicht in der Form leben zu können, wie es eigentlich möglich wäre.
Was du als Elternteil für dein hochbegabtes Kind tun kannst
Underachievement bei hochbegabten Kindern ist selten nur ein Leistungsproblem. In vielen Fällen hängen die Schwierigkeiten auch mit Motivation, Selbstwert, Stress, fehlender Passung im Unterricht und einer unzureichenden Förderung zusammen. Genau deshalb helfen Druck und ständiges Antreiben meist nicht nachhaltig. Häufig verschärfen sie die Situation sogar.
Hobbys als echte Ressource schützen und ernst nehmen
Wenn es in der Schule gerade nicht gut läuft, braucht dein Kind einen Bereich, in dem es sich kompetent fühlt und Freude erlebt. Hobbys sind deshalb nicht nur Freizeit, sondern oft ein wichtiger Stabilitätsfaktor.
Förder das Hobby deines Kindes bewusst und wertschätzend. Feier Erfolge dort genauso selbstverständlich wie schulische Erfolge. Das hilft deinem Kind, Selbstwert nicht nur aus Noten zu beziehen und sich in seinen Fähigkeiten weiterhin als wirksam zu erleben.
Das Hobby sollte in schwierigen Schulphasen möglichst nicht als Strafe entzogen werden. Genau dann ist es oft ein Bereich, aus dem dein Kind Kraft, Identität und Selbstvertrauen zieht. Natürlich lohnt sich ein genauer Blick darauf, was das für ein Hobby ist und ob es deinem Kind wirklich guttut. Aber grundsätzlich ist es meist sehr hilfreich, diesen Bereich zu schützen statt ihn zu kürzen.
Die eigene emotionale Lage als Elternteil mit anschauen
Viele Eltern sind durch die Situation stark belastet. Das ist völlig nachvollziehbar. Gleichzeitig entsteht zusätzlicher Stress oft auch dadurch, dass eigene Ängste, Unsicherheiten oder Zukunftssorgen ständig mitlaufen und ungewollt auf das Kind übertragen werden.
Es hilft sehr, wenn du dich ehrlich fragst, was die Situation mit dir selbst macht. Fühlst du dich hilflos, angespannt, beschämt oder unter Druck? Solche Gefühle sind menschlich, aber sie können den Umgang mit deinem Kind stark beeinflussen.
Wenn du merkst, dass dich das Thema sehr belastet, dann fühle dich eingeladen, dir Unterstützung zu suchen. Das kann eine Elternberatung sein oder bei starker Belastung auch eine Psychotherapie. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern oft eine der wirksamsten Maßnahmen. Underachievement lässt sich in der Regel nicht durch mehr Druck auflösen. Viel häufiger braucht es einen ruhigeren, klareren und langfristigen Umgang.
Verantwortung altersgerecht zurückgeben und trotzdem verbunden bleiben
Du kannst dein Kind begleiten, aber du kannst die Schulleistung nicht für dein Kind erbringen. Diese Unterscheidung ist zentral.
Mit zunehmendem Alter sollte die Verantwortung für schulische Leistung schrittweise stärker bei deinem Kind liegen. Das bedeutet nicht, dass du dich zurückziehst oder dir alles egal ist. Es bedeutet, dass du die Verantwortung nicht dauerhaft übernimmst und deinem Kind nicht alles abnimmst.
Wenn du ständig hinterherräumst, erinnerst, kontrollierst und auffängst, lernt dein Kind oft nicht, selbst Verantwortung zu übernehmen. Es lernt dann auch nur schwer, dass Entscheidungen Folgen haben und dass es sein Verhalten selbst steuern kann.
Gleichzeitig braucht es weiterhin eine offene Tür. Dein Kind soll wissen, dass es Unterstützung bekommt, wenn es sie möchte. Du bleibst präsent, aufmerksam und zugewandt. Du behältst auch im Blick, ob sich Ängste, depressive Symptome, ein starker Rückzug oder problematische Bewältigungsstrategien entwickeln. Wenn du da unsicher bist, hol dir früh Unterstützung.
In der Schule aktiv auf passende Förderung hinwirken
Underachievement bedeutet nicht, dass kein Potenzial vorhanden ist. Gerade deshalb ist es so wichtig, dass dein Kind in der Schule nicht nur nach der aktuellen Leistung gesehen wird, sondern nach seinem tatsächlichen Potenzial.
Es kann sehr sinnvoll sein, gemeinsam mit der Schule über passende Förderformen zu sprechen. Dazu gehören zum Beispiel Enrichment, Teilakzeleration oder in manchen Fällen auch ein Klassenüberspringen. Auch eine Förderung über ein Drehtürmodell kann hilfreich sein, wenn dein Kind in einzelnen Bereichen besondere Stärken hat.
Solche Maßnahmen können auch dann sinnvoll sein, wenn die Schulleistungen gerade schwach sind. Schlechte Noten schließen eine Hochbegabung und einen Förderbedarf nicht aus. Ob eine Akzeleration wirklich passt, muss immer im Einzelfall gut geprüft werden. Aber die Grundhaltung sollte sein, dass dein Kind nicht auf sein aktuelles Underachievement reduziert wird.
Weniger Wiederholungsaufgaben und mehr Verstehen ermöglichen
Ein ganz wichtiger Punkt im Schulalltag ist die Art der Aufgaben. Hochbegabte Kinder profitieren oft nicht davon, wenn sie einfach nur sehr viele Wiederholungsaufgaben machen sollen. Das gilt nicht nur dann, wenn sie den Stoff schon sicher beherrschen.
Viele hochbegabte Kinder müssen Dinge tief verstehen. Sie wollen begreifen, was sie da eigentlich tun, warum etwas funktioniert und wie die Hintergründe zusammenhängen. Erst wenn dieses innere Verstehen da ist, entsteht oft dieser Aha-Moment. Danach können sie Inhalte häufig plötzlich gut anwenden und dann braucht es oft nur noch vergleichsweise wenig Übung.
Das bedeutet nicht, dass hochbegabte Kinder gar keine Übung brauchen. Häufig brauchen sie aber deutlich weniger Übung (z. B. ein Drittel der Übungsaufgaben) und vor allem eine andere Art von Übung. Im Schulalltag besteht hier oft ein Missverhältnis.
Deshalb ist es oft hilfreich, mit Lehrkräften zu besprechen, dass dein Kind insgesamt weniger reine Wiederholungsaufgaben bekommt und stattdessen mehr vertiefende, erklärende und verstehensorientierte Aufgaben.
Viele hochbegabte Kinder sind verunsichert, wenn sie zwar die Anwendung sehen, aber den inneren Zusammenhang nicht verstehen. Wenn sie dann nachfragen, bekommen sie oft nur noch einmal die Anwendung erklärt. Was ihnen aber häufig fehlt, ist eine wirkliche Erklärung der Hintergründe. Sie brauchen ein inneres Bild davon, was sie da gerade tun. Wenn dieses Verständnis entsteht, verbessert sich oft auch die Motivation und das Gefühl von Sicherheit.
Ergründe die Fähigkeiten und Ressourcen deines Kindes
Gerade im Underachievement geht der Blick oft sehr schnell auf Defizite, Konflikte und schulische Probleme. Das ist verständlich, aber es verstellt manchmal den Zugang zu dem, was in deinem Kind eigentlich an Potenzial vorhanden ist. Deshalb kann es sehr hilfreich sein, den Fokus bewusst zu erweitern und genauer hinzuschauen, welche Stärken, Ressourcen, Interessen und Fähigkeiten dein Kind mitbringt. Oft zeigen sich dort wichtige Hinweise darauf, was dein Kind wirklich motiviert, wie es am besten lernt und welche Bedingungen es braucht, um wieder in eine gesunde Entwicklung zu kommen. Wenn du dir dabei fachliche Unterstützung wünschst, begleite ich Jugendliche ab 15 Jahren gerne mit meiner Potenzialanalyse 240 Grad. Gemeinsam schauen wir auf Selbststeuerungskompetenzen, Motivstruktur sowie auch auf verborgene Motive und Ressourcen, die im Alltag oft übersehen werden. So wird sichtbar, welche Fähigkeiten und Möglichkeiten in deinem Kind stecken, wo innere Blockaden liegen könnten und welcher Weg für dein Kind wirklich stimmig und tragfähig ist.
Lernprozess und Ergebnis beide im Blick behalten
Es ist sinnvoll, den Lernprozess zu würdigen. Anstrengung, Dranbleiben, Mut und neue Strategien verdienen Aufmerksamkeit. Gleichzeitig ist es aus meiner Erfahrung oft hilfreich, auch das Ergebnis nicht komplett auszuklammern.
Viele hochbegabte Kinder merken sehr genau, wie ein Ergebnis einzuordnen ist. Wenn du nur den Einsatz lobst und das Ergebnis gar nicht ansprichst, kann das auf dein Kind unecht wirken.
Eine stimmige Haltung ist deshalb, beides zu sehen. Du kannst den Prozess wertschätzen und gleichzeitig das Ergebnis liebevoll und realistisch mit deinem Kind anschauen. Es geht nicht darum, Druck zu machen oder zu bewerten, sondern darum, Ergebnisse gemeinsam einzuordnen und zu verarbeiten.
Kausale Attribution gemeinsam und ohne Bewertung anschauen
Ein sehr hilfreicher Schritt ist der gemeinsame Blick auf Ursachen. Du kannst mit deinem Kind neugierig anschauen, was zu einem Erfolg beigetragen hat und was zu einem Misserfolg geführt hat.
Das sollte nicht wie ein Verhör wirken. Es geht nicht um Schuld. Es geht um Verstehen.
Gerade Kinder im Underachievement entwickeln oft ungünstige Erklärungen. Manche geben immer nur der Lehrkraft die Schuld. Andere machen sich selbst komplett fertig. Beides hilft langfristig nicht.
Hilfreich ist ein ruhiger Blick auf konkrete Faktoren. Dazu gehören zum Beispiel Vorbereitung, Schlaf, Stress, Angst, Aufgabenverständnis, Zeitmanagement, Motivation oder Konflikte. So lernt dein Kind nach und nach, Zusammenhänge realistischer zu sehen und sich selbst besser zu steuern. Wenn du mehr darüber erfahren möchtest, schaue dir gerne meinen Blogartikel Glück, Pech und Zufall – oder doch die Fähigkeiten? an.
Eigene Ziele des Kindes entwickeln helfen
Ein Ziel wie bessere Noten, damit du zufrieden bist, trägt meist nicht langfristig. Spätestens mit zunehmendem Alter braucht dein Kind ein eigenes Ziel, das sich innerlich stimmig anfühlt.
Viele Kinder und Jugendliche im Underachievement wissen zunächst gar nicht, was sie wirklich wollen. Das ist nicht ungewöhnlich. Gerade wenn lange Druck, Frust oder Selbstzweifel im Vordergrund standen, fehlt oft erst einmal die innere Orientierung.
Du kannst dein Kind unterstützen, indem du nicht nur über Noten sprichst, sondern auch über Interessen, Zukunftsbilder, Wünsche und Stärken. Frag eher offen und neugierig statt nur leistungsbezogen. Wenn die Zielentwicklung schwerfällt, kann auch hier externe Unterstützung sehr sinnvoll sein.
Den Prozess realistisch sehen und nicht auf eine schnelle Lösung setzen
Der Weg aus dem Underachievement ist in den allermeisten Fällen ein längerer Prozess. Es gibt Fortschritte und Rückschritte. Manchmal wird es erst einmal unübersichtlicher, bevor es besser wird.
Das ist belastend, aber nicht ungewöhnlich. Nicht jede Verschlechterung bedeutet, dass alles falsch läuft. Nicht jede schnelle Verbesserung ist schon stabil.
Manchmal ist eine Versetzung gefährdet. Manchmal ist eine Rückstufung im Einzelfall sogar die passendere Lösung. Entscheidend ist, dass du nicht aus Panik handelst, sondern gemeinsam schaust, was dein Kind gerade wirklich braucht und was schulisch und emotional tragfähig ist.
Aus meiner Erfahrung funktioniert es in den meisten Fällen nicht gut, Underachievement unter starkem Druck und hoher Anspannung überwinden zu wollen. Deutlich hilfreicher ist ein klarer, langfristiger und kooperativer Prozess, bei dem dein Kind gesehen wird und nicht nur seine Noten.
Was du als erwachsener Underachiever für dich tun kannst
Underachievement im Erwachsenenalter ist in den meisten Fällen kein Zeichen von Faulheit und auch kein Beweis dafür, dass dir Disziplin fehlt. Häufig steckt dahinter ein über Jahre gewachsenes Muster, in dem hohe Fähigkeiten auf innere Blockaden, ungünstige Selbststeuerung unter Stress, starke Selbstkritik und fehlende Passung treffen. Genau das macht das Thema oft so schmerzhaft. Du merkst selbst sehr genau, dass in dir viel Potenzial vorhanden ist und gleichzeitig gelingt es dir nicht zuverlässig, dieses Potenzial im Alltag, im Beruf oder im Studium stabil umzusetzen.
Wenn du das nur als Charakterfehler deutest, landest du fast zwangsläufig in noch mehr Druck und Selbstabwertung. Hilfreicher ist es, das Ganze als ein verständliches Muster zu betrachten, das man Schritt für Schritt entschlüsseln und verändern kann.
Deine Gefühle ernst nehmen
Ein besonders wichtiger Punkt im Erwachsenenalter ist nicht nur Scham, sondern das ganze emotionale Feld, das mit einem Underachievement Hintergrund verbunden sein kann. Viele Menschen tragen über Jahre einen starken inneren Druck in sich und versuchen gleichzeitig, diesen Druck irgendwie zu kontrollieren. Dabei entstehen oft sehr unterschiedliche Gefühle, die sich abwechseln oder auch gleichzeitig da sein können.
Dazu gehören Scham, Schuld, Wut, Trauer, Ohnmacht, Angst und manchmal auch Neid oder Enttäuschung. Diese Gefühle sind nicht automatisch ein Zeichen dafür, dass mit dir etwas nicht stimmt. Sehr oft sind sie eine verständliche Reaktion auf eine längere Geschichte von Nichtpassung, Selbstzweifeln, Überforderung oder dem schmerzhaften Gefühl, mit dem eigenen Potenzial nicht wirklich im Leben anzukommen.
Wenn du diese Gefühle nur als Störung behandelst, die möglichst schnell weg soll, bleibt das alte Muster oft bestehen. Dann wird sogar die Gefühlswelt noch zu einem weiteren Bereich, in dem du funktionieren musst. Hilfreicher ist es meistens, die Gefühle ernst zu nehmen und sie als Information zu betrachten. Sie zeigen dir oft sehr präzise, wo du verletzt wurdest, wo du dich übergangen hast, wo etwas nicht stimmig ist oder wo du innerlich noch um etwas ringst.
Schuld und Verantwortung unterscheiden
Wenn du beginnst, deine Gefühle ernster zu nehmen, taucht bei vielen Menschen sehr schnell Schuld auf. Das kann sich quälend anfühlen. Viele erleben dann den inneren Druck, mehr leisten zu müssen, konsequenter sein zu müssen oder andere zu enttäuschen. Manche fühlen sich sogar wie eine Belastung, obwohl sie objektiv sehr viel tragen.
Gerade hier ist eine Unterscheidung wichtig, die sehr entlastend sein kann. Schuld und Verantwortung sind nicht dasselbe. Du darfst Verantwortung für deinen weiteren Weg übernehmen. Du darfst Entscheidungen treffen, Strukturen verändern und neue Schritte gehen. Gleichzeitig musst du nicht deine gesamte Geschichte so behandeln, als hättest du sie absichtlich falsch gemacht.
Es gibt einen Unterschied zwischen ehrlicher Selbstverantwortung und dauernder Selbstanklage. Selbstverantwortung macht dich handlungsfähiger. Selbstanklage macht dich kleiner und hält das Muster oft am Leben.
Wut als Signal verstehen
Neben Schuld ist auch Wut häufig ein wichtiger Teil dieses Prozesses, auch wenn sie lange nicht bewusst wahrgenommen wird. Gerade wenn du gelernt hast, reflektiert, freundlich und kontrolliert zu sein, wird Wut oft schnell erklärt, relativiert oder direkt wieder eingehegt. Dann zeigt sie sich im Alltag eher indirekt, zum Beispiel als innere Härte, Gereiztheit, Zynismus oder Erschöpfung.
Dabei ist Wut oft ein gesundes Signal. Sie kann dir zeigen, dass etwas nicht stimmig war. Dass du nicht gesehen wurdest. Dass du in Umgebungen funktionieren solltest, die nicht zu dir gepasst haben. Dass Grenzen überschritten wurden oder dass du dich selbst lange an etwas angepasst hast, das dir innerlich nicht gutgetan hat.
Wut muss nicht groß ausagiert werden, um ernst genommen zu werden. Oft reicht es schon, sie innerlich klar zu benennen und zu verstehen, worauf sie sich bezieht. Genau dadurch wird sie häufig klarer und weniger diffus.
Trauer als Teil des Heilungsprozesses
Wenn Schuld und Wut mehr Raum bekommen, kommt bei vielen Menschen früher oder später auch Trauer in den Blick. Und genau das kann ein sehr wichtiger Wendepunkt sein. Was manchen Hochbegabten mit Underachievement Hintergrund hilft, ist in einen echten Trauerprozess einzutreten. Trauer darüber, dass sie über lange Zeit nicht gesehen wurden. Trauer darüber, dass ihre Fähigkeiten zwar oft bemerkt, aber nicht wirklich verstanden wurden. Trauer darüber, dass sie sich früh an Umgebungen anpassen mussten, die nicht zu ihrer Art zu lernen und zu leben gepasst haben.
Dazu kommt oft Trauer über die Energie, die in Selbstzweifel, Vermeidung, innere Kämpfe und Anpassung geflossen ist. Manche trauern auch um eine innere Leichtigkeit, die sie vielleicht einmal hatten oder nie richtig entwickeln konnten, weil früh sehr viel Druck da war.
Dieser Schritt wirkt von außen manchmal unproduktiv, ist für viele aber ein Wendepunkt. Solange der Blick nur nach vorn geht und alles sofort in Optimierung übersetzt wird, bleibt innerlich oft ein harter, getriebener Anteil aktiv. Genau dieser Anteil stabilisiert das alte Muster häufig weiter.
Trauer unterbricht das. Sie macht ehrlicher. Sie hilft dir, die eigene Geschichte nicht nur als persönliches Versagen zu lesen, sondern auch als reale Erfahrung von Verlust, Enttäuschung und Nichtpassung. Daraus entsteht oft etwas sehr Wichtiges, nämlich Mitgefühl mit dir selbst ohne Ausreden und ohne Schönfärberei. Aus dieser Form von Trauer kann eine neue Klarheit entstehen. Dann geht es nicht mehr darum, endlich so zu werden, wie du glaubst sein zu müssen. Dann geht es darum, aus deiner tatsächlichen Biografie heraus einen stimmigen Weg aufzubauen. Viele erleben genau dann wieder echte Handlungskraft.
Gefühlen Raum geben statt sie wegzudrücken
Wenn diese Gefühle deutlicher werden, stellt sich fast automatisch die Frage, wie du mit ihnen umgehen kannst, ohne dich in ihnen zu verlieren. Genau hier hilft eine Haltung, die weder wegdrückt noch dramatisiert. Viele Erwachsene sind sehr geübt darin, Gefühle zu analysieren, aber nicht unbedingt darin, sie wirklich zu spüren. Andere spüren sie stark, geraten dann aber schnell in Überforderung oder in einen inneren Kampf dagegen. Beides ist verständlich.
Gefühlen Raum zu geben bedeutet nicht, dass du dich in ihnen verlieren sollst. Es bedeutet auch nicht, dass du alles sofort lösen musst. Es bedeutet zuerst nur, dass du für einen Moment aufhörst, gegen deine innere Reaktion zu arbeiten. Oft passiert dann etwas sehr Wichtiges. Wenn du ein Gefühl wirklich anschaust und ihm erlaubst, da zu sein, verändert es sich nach einer Weile von selbst. Manchmal dauert das nur ein paar Sekunden, manchmal ein paar Minuten. Viele Gefühle brauchen zunächst einfach nur, dass sie wahrgenommen werden. Sie müssen nicht sofort repariert werden.
Ein sehr hilfreicher Zugang dafür ist Somatic Tracking. Dabei beobachtest du Körperempfindungen und emotionale Reaktionen mit einer neugierigen, freundlichen Haltung, statt sie sofort zu bewerten oder wegzumachen.
Eine Somatic Tracking-Übung für belastende Gefühle
Setz dich möglichst bequem hin oder leg dich so hin, dass dein Körper sich einigermaßen sicher fühlt. Du musst nicht perfekt entspannt sein. Es reicht, wenn du dir ein paar Minuten gibst.
Nimm zuerst wahr, was gerade da ist, wenn du an dein Thema denkst. Nicht als Analyse, sondern als Momentaufnahme. Vielleicht ist da Druck im Brustkorb, ein Kloß im Hals, Unruhe im Bauch, Enge, Hitze, ein inneres Ziehen oder einfach eine diffuse Spannung.
Wähle dann eine Empfindung aus, die gerade am deutlichsten ist. Wenn du merkst, dass dich die stärkste Empfindung schnell überfordert, nimm bewusst eine, die etwas leichter zugänglich ist.
Richte deine Aufmerksamkeit auf diese Stelle und beschreibe dir innerlich ganz schlicht, was du wahrnimmst. Eher warm oder eher kühl. Eher eng oder eher weit. Eher ruhig oder eher bewegt. Eher fest oder eher flackernd. Es geht nicht darum, die perfekte Beschreibung zu finden, sondern darum, in Kontakt zu gehen.
Wenn dein Kopf anspringt und in Bewertung, Druck oder Selbstkritik geht, nimm auch das kurz wahr und geh dann freundlich wieder zur Körperempfindung zurück. Genau dieses Zurückkehren ist bereits die Übung.
Hilfreich ist eine Haltung von neugieriger Begleitung. So als würdest du etwas beobachten, das du noch nicht ganz kennst. Manche Menschen unterstützen sich dabei mit einem stillen inneren Satz, der ihnen erlaubt, weich zu bleiben und trotzdem präsent zu sein. Wichtig ist vor allem die Haltung, nicht die Formulierung.
Achte zwischendurch darauf, ob sich etwas verändert. Manchmal wird eine Empfindung stärker, manchmal schwächer, manchmal wandert sie, manchmal bleibt sie erst einmal gleich. Alles davon ist in Ordnung. Das Ziel ist nicht, dass sie sofort verschwindet, sondern dass du lernst, bei dir zu bleiben, ohne sofort in Druck oder Vermeidung zu kippen.
Wenn du merkst, dass eine Empfindung zu intensiv wird, bleib im Körper und such dir bewusst eine andere Stelle, die sich neutral anfühlt oder vielleicht sogar ein kleines bisschen angenehm. Das kann zum Beispiel eine Hand sein, ein Unterarm, der Kontakt deiner Füße mit dem Boden oder ein Bereich im Gesicht, der ruhiger wirkt.
Dann machst du mit genau dieser neutralen oder angenehmen Stelle weiter. Richte deine Aufmerksamkeit dorthin und beschreibe dir wieder innerlich ganz schlicht, was du wahrnimmst. Wie fühlt sich diese Stelle an. Eher warm oder kühl. Eher ruhig oder lebendig. Eher weich oder fest. Oft reicht schon dieser Wechsel, damit dein System sich spürbar reguliert.
Wenn du dich dort ein wenig stabiler fühlst, kannst du später wieder vorsichtig zur belastenden Empfindung zurückgehen. Du musst aber nicht. Auch das bewusste Bleiben bei einer neutralen Körperstelle ist bereits eine wertvolle Form von Somatic Tracking und hilft vielen Menschen sehr dabei, sich aus Überforderung heraus zu regulieren.
Zum Schluss nimm dir einen Moment und frag dich, was du gerade brauchst. Nicht für die nächsten Monate, sondern für den nächsten kleinen Schritt. Vielleicht Ruhe, Bewegung, ein Glas Wasser, eine Pause, ein Gespräch oder einfach etwas Freundlichkeit dir selbst gegenüber.
Diese Übung ist bewusst schlicht. Sie lebt nicht davon, dass du sie perfekt machst, sondern davon, dass du immer wieder in eine freundliche Form von Kontakt mit dir selbst kommst. Genau das ist für viele ein zentraler Gegenschritt zum alten Underachievement Muster.
Was Somatic Tracking bewirken kann
Somatic Tracking hilft dir dabei, aus dem automatischen Kampf gegen deine innere Reaktion auszusteigen. Viele Menschen versuchen bei unangenehmen Gefühlen sofort, sie wegzubekommen, zu kontrollieren oder gedanklich zu lösen. Dadurch bleibt das Nervensystem oft in Alarm oder Anspannung. Beim Somatic Tracking übst du stattdessen, Körperempfindungen und Gefühle wahrzunehmen, ohne sie sofort zu bekämpfen. Genau das kann dem Nervensystem vermitteln, dass du gerade nicht in Gefahr bist, sondern in Kontakt.
Mit der Zeit kann diese Art von Wahrnehmung mehrere Dinge verändern. Viele Menschen erleben, dass Gefühle schneller abklingen, wenn sie wirklich wahrgenommen werden. Andere merken, dass sie sich weniger von innerer Anspannung überrollen lassen. Oft verbessert sich auch die Fähigkeit, frühe Stresssignale zu bemerken, bevor alles zu viel wird. Das kann im Alltag sehr wertvoll sein, weil du früher gegensteuern kannst und nicht erst dann reagierst, wenn du schon völlig im Stress bist.
Ein weiterer Effekt ist, dass du eine freundlichere Beziehung zu deinem eigenen Erleben aufbaust. Du lernst, dass unangenehme Empfindungen zwar intensiv sein können, aber nicht automatisch bedeuten, dass etwas mit dir falsch ist oder dass du sofort handeln musst. Das gibt vielen Menschen mehr innere Stabilität, mehr Selbstvertrauen und langfristig auch mehr Selbststeuerung.
Somatic Tracking ist keine Technik, mit der du Gefühle wegmachst. Es ist eher eine Form von Training für einen anderen inneren Umgang. Und genau dieser andere Umgang ist oft ein entscheidender Schritt heraus aus alten Mustern von Druck, Vermeidung und Selbsthärte.
Wenn dir der Zugang zu deinen Gefühlen schwerfällt
Gerade wenn du lange über Leistung, Kontrolle oder Funktionieren gegangen bist, kann es sehr schwer sein, in einen guten Kontakt mit deiner Gefühlswelt zu kommen. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern oft ein gelerntes Schutzmuster.
Wenn du merkst, dass du dabei allein immer wieder steckenbleibst oder dich schnell überforderst, musst du das nicht allein sortieren. Genau an dieser Stelle kann Begleitung sehr hilfreich sein.
Ich begleite Menschen gerne dabei, ihre inneren Muster besser zu verstehen, Gefühle differenzierter wahrzunehmen und wieder in eine Form von Selbstführung zu kommen, die nicht auf Druck, sondern auf Klarheit und innerer Stimmigkeit aufbaut.
Können und Selbststeuerung unterscheiden
Sehr entlastend und zugleich präzise ist die Unterscheidung zwischen Können und Selbststeuerung. Viele Erwachsene im Underachievement haben kein Fähigkeitsproblem. Sie können oft sehr viel, manchmal deutlich mehr, als im Alltag sichtbar wird. Das Problem entsteht eher darin, dass sie ihre Fähigkeiten unter bestimmten Bedingungen nicht zuverlässig in Handlung übersetzen können.
Das kann an innerer Ambivalenz liegen, an Perfektionismus, an emotional unangenehmen Einstiegen, an äußerem Druck oder daran, dass ein Ziel zwar vernünftig klingt, aber innerlich nicht trägt. Diese Unterscheidung ist so wichtig, weil sie dich aus der falschen Schlussfolgerung herausholt, grundsätzlich unfähig zu sein. Häufig stimmt eher, dass deine Selbststeuerung unter bestimmten Bedingungen zusammenbricht und genau das lässt sich bearbeiten.
Wie Stress und Ängste zu Underachievement führen können – trotz enormer Ressourcen: Ein Fallbericht
Ich teste die Selbststeuerungsfähigkeiten innerhalb der Potenzialanalyse mit dem Selbststeuerungsinventar. Dieses gibt uns Aufschluss darüber, in welchen Bereichen besondere Kompetenzen vorliegen.
Ich teile dieses Fallbeispiel mit ausdrücklicher Erlaubnis der Klientin. Die Darstellung ist anonymisiert, und einzelne Details wurden zum Schutz ihrer Privatsphäre angepasst. In ihrem Ergebnis des Selbststeuerungsinventars liegen die Kompetenzen klar in der Selbstbestimmung, Initiative und Handlunsorientierung (HOP:prospektiv). Wir haben hier einen sehr aktiven Menschen vor uns, der die Herausforderungen (die siehst du an den violetten, roten und blauen Strichen: Belastung, Druck und Gesamtstress) primär über Aktivität löst. Das ist erst einmal eine Ressource und kann sogar phasenweise zu einem Overachievement führen. Doch wir sehen auch, dass die Person Schwierigkeiten hat sich zu beruhigen (Selbstberuhigung) und es ihr schwer fällt Misserfolge zu integrieren (Bewältigung von Misserfolg). Das ist riskant, denn gemeinsam mit der hohen Belastung und dem starken Druck kann so ein Burnout entstehen. Wir sehen an einigen Stellen auch schon einen möglichen Preis, den die Person eventuell zahlt: Die Planungsfähigkeit und die Konzentrationsstärke leiden unter dieser Situation.
Der Vollständigkeit halber möchte ich darauf hinweisen, dass die Planungsfähigkeit und die Konzentrationsstärke auch aus anderen Gründen niedrig sein können. Im Gespräch mit der Klientin schilderte sie allerdings, dass ihr diese Kompetenzen früher durchaus stärker zugänglich waren.
Niedrige Werte im Bereich der Planungsfähigkeit können dazu führen, dass man sich schnell verzettelt. Gemeinsam mit der starken Initiative kann es sein, dass diese Person bei Stress „kopflos“ in unterschiedliche Richtungen tätig wird, ohne tatsächliche Erfolge zu erzielen. Das Handeln wird ineffizient und sie verbraucht viel Energie.
In ihrem Fall konnten die Selbststeuerungskompetenzen dadurch verbessert werden, dass sie zunächst lernte Nein zu sagen und ergründete, was ihr wirklich wichtig ist. Dadurch sank die Stressbelastung, was ihr Raum gab, nicht immer aus dem Überlebensmodus heraus tätig zu sein. Die Konzentrationsstärke pendelte sich in den nächsten Monaten von alleine etwas ein.
Die Fähigkeiten zur Selbstberuhigung und zur Bewältigung von Misserfolg verbesserten sich hingegen nicht im gleichen Maße von selbst. Auch wenn die reduzierte Stressbelastung eine wichtige Voraussetzung war, brauchte es hier einen bewussten Entwicklungsprozess. Entscheidend war, dass die Klientin schrittweise ein sanfteres und tragfähigeres Verhältnis zu sich selbst aufbauen konnte.
Dazu gehörte zunächst, überhaupt wieder einen Zugang zum eigenen inneren Erleben herzustellen. Unter länger anhaltendem Stress ist dieser Kontakt häufig eingeschränkt, weil der Fokus stark auf Funktionieren, Leistung und Schadensbegrenzung liegt. In der Begleitung lernte sie, ihre eigenen Zustände früher wahrzunehmen, freundlicher einzuordnen und sich nicht bei jeder Überforderung sofort innerlich abzuwerten.
Ein wesentlicher Schritt bestand darin, Selbstberuhigung nicht mehr nur als spontane Fähigkeit zu betrachten, die man entweder hat oder nicht hat, sondern als Kompetenz, die gezielt aufgebaut werden kann. Dazu gehörte unter anderem, innezuhalten, innere Anspannung frühzeitig zu erkennen und einen weniger harten Umgang mit sich selbst einzuüben. Erst dadurch wurde es möglich, in belastenden Situationen nicht sofort in alte Muster aus Druck, Selbstkritik oder Aktionismus zurückzufallen.
Auch der Umgang mit Misserfolg veränderte sich nicht allein durch weniger Stress, sondern durch eine neue innere Haltung. Die Klientin lernte, eigene Grenzen und Unzulänglichkeiten realistischer anzuerkennen, ohne diese sofort als persönliches Versagen zu deuten. Das war ein zentraler Entwicklungsschritt. Erst mit dieser Form von Selbstkontakt und Selbstfreundlichkeit konnte sie Misserfolge zunehmend als informationstragende Erfahrung verarbeiten, statt sich davon jedes Mal in Selbstabwertung oder Überforderung treiben zu lassen.
Nachdem einige Stressoren beseitigt wurden (du siehst, die violetten, roten und blauen Striche, die für Belastung, Druck und Gesamtstress stehen, sind viel niedriger ), konnte sich die Konzentrationsfähigkeit wieder etwas erholen. Auch die Bewältigung von Misserfolg und die Selbstberuhigung erhöhten sich leicht, das Selbstgespür sogar deutlich. Auch führte sie ihre Aufgaben mit weniger Druck aus, was wir an dem höheren Wert „angstfreie Zielorientierung“ ablesen können. Nur die Initiative sank etwas, im Kontext ihrer Geschichte ist das aber nicht unbedingt negativ zu werten. Schließlich nutzte sie ihre starke Initiative und Handlungsfähigkeit fast schon ungerichtet, um ihren Stress zu überwinden. Zum Zeitpunkt der zweiten Testung befand sie sich in einer Erholungsphase nach dem starken Stress. Das dann die Initiative etwas niedriger war, wertete ich in ihrem Fall als gesundes Zeichen.
In dieser Grafik sehen wir ein stark überdurchschnittliches Leistungsmotiv (violette Linie), das sich die Klientin bisher aber nicht traute auszuleben (anthrazitfarbene Linie). Ihre Schwierigkeiten bei der Bewältigung von Misserfolgen sowie der eher niedrige Selbstzugang begünstigten, dass sie sich gar nicht erst zutraute Leistungen zu erbringen, die öffentliche Anerkennung (oder potenziell ja auch Kritik) bringen könnten.
Die Erkenntnis ihres hohen Leistungsmotivs brachte meiner Klientin viel Freude, aber auch einige Tränen. Denn ihr war immer bewusst, dass sie sich nicht richtig erfüllt fühlte, doch wäre ihr nie in den Sinn gekommen, dass ihre Leere eine Sehnsucht nach Leistung beinhaltete. Das passte nicht zu ihrem Selbstkonzept als bildungsfern aufgewachsene und späterkannte hochbegabte Frau.
Gerade an diesem Fall wird deutlich, wie wichtig es ist, Fähigkeiten, Stressmuster und Motivstruktur gemeinsam zu betrachten. Von außen wirkte die Klientin lange nicht wie jemand, dem es an Potenzial mangelt. Im Gegenteil, vieles sprach für eine außergewöhnlich leistungsfähige, engagierte und willensstarke Person. Und doch zeigte sich, dass hohe Fähigkeiten allein nicht ausreichen, wenn zentrale Selbststeuerungskompetenzen unter Druck nicht stabil verfügbar sind. Genau darin liegt bei vielen hochbegabten Erwachsenen ein entscheidender Punkt: Nicht das Können ist das Hauptproblem, sondern der Zugang dazu unter Belastung. Das kann sich sehr schmerzhaft anfühlen, weil man die eigenen Möglichkeiten oft deutlich spürt und sie zugleich nicht verlässlich umsetzen kann. Umso wichtiger ist ein Blick, der nicht vorschnell moralisiert, sondern versteht, welche inneren und äußeren Bedingungen das Leistungsbild prägen. Wenn diese Bedingungen gezielt verändert werden, kann sich oft nicht nur die Leistung, sondern auch das innere Erleben deutlich wandeln. Genau deshalb lohnt es sich, Underachievement nicht als Defizitidentität zu betrachten, sondern als ein veränderbares Muster, das verstanden und schrittweise bearbeitet werden kann.
Die eigene Motivstruktur klären
Viele intelligente Menschen können sehr gute Ziele formulieren und trotzdem nicht in eine stabile Umsetzung kommen. Oft liegt das daran, dass das Ziel kognitiv plausibel ist, aber nicht mit der inneren Motivation verbunden ist. Du kannst dir dann sehr vernünftig erklären, warum du etwas tun solltest, aber du spürst keine echte Zugkraft.
Deshalb ist es oft hilfreicher, nicht sofort nach dem nächsten Ziel zu fragen, sondern nach der inneren Anschlussfähigkeit. Was willst du wirklich und nicht nur aus Vernunft oder Anpassung. Was fühlt sich für dich stimmig an. Was gibt dir Energie, statt dir dauerhaft Energie zu ziehen. Was hat echte Bedeutung für dich.
Diese Fragen wirken einfacher, als sie sind. Viele Erwachsene im Underachievement haben lange gelernt, sich über Erwartungen von außen zu definieren. Wenn du hier klarer wirst, verändert sich oft nicht nur deine Motivation, sondern auch deine Selbstführung.
Gerade die eigene Motivstruktur wirklich in der Tiefe zu verstehen, ist oft deutlich schwieriger, als es zunächst wirkt. Viele Menschen können zwar gut benennen, was sie vermeintlich wollen oder was ihnen wichtig erscheint. Das bedeutet aber noch nicht automatisch, dass diese Ziele auch emotional wirklich getragen sind. Genau deshalb nutze ich in diesem Bereich sehr gerne die Potenzialanalyse.
Was mich an der Potenzialanalyse von Anfang an überzeugt hat, ist, dass dort nicht nur sprachlich nach Motiven gefragt wird, also zum Beispiel nach Beziehungsmotiv, Leistungsmotiv und Machtmotiv. Es wird zusätzlich eine Methode eingesetzt, mit der auch unbewusste und implizite Motive sichtbar werden können. Und genau diese unterscheiden sich teilweise erheblich von den Motiven, die Menschen bei einer reinen Selbsteinschätzung angeben würden.
Ein weiterer Punkt, den ich besonders für hochbegabte Menschen als sehr wertvoll erlebe, ist die Erfassung des Freiheitsmotivs. Dieses Motiv wird in manchen Modellen dem Machtmotiv zugeordnet oder mit ihm zusammengefasst, inhaltlich ist es jedoch sinnvoll, genauer zu differenzieren. Beim Machtmotiv geht es nicht einfach nur um Dominanz, auch wenn das viele Menschen zunächst damit verbinden. Machtmotiv kann sich zum Beispiel auch darin zeigen, dass jemand andere Menschen aus Fürsorge unterstützt, Wissen vermittelt, Menschen begeistert oder Einfluss nimmt, um etwas Positives zu bewirken. Auch das sind Ausdrucksformen von Macht im psychologischen Sinn.
Das Freiheitsmotiv beschreibt dagegen etwas anderes. Hier geht es weniger darum, Einfluss auf andere zu nehmen, sondern darum, selbst möglichst wenig von außen beeinflusst zu werden. Es geht also um das Bedürfnis nach innerer und äußerer Unabhängigkeit und darum, wie stark dieses Bedürfnis motivational verankert ist.
In der Beratung stelle ich immer wieder fest, dass bei vielen meiner Klientinnen und Klienten ein hohes Freiheitsmotiv sichtbar wird. Ob das speziell mit Hochbegabung zusammenhängt oder damit, welche Menschen sich von meinem Angebot besonders angesprochen fühlen, kann ich nicht abschließend sagen. Es ist jedenfalls ein Muster, das mir in der Praxis häufig begegnet. Natürlich gilt das nicht für alle. Manchmal sind andere Motivbereiche klar führend.
Gerade deshalb ist der Abgleich zwischen Selbsteinschätzung und emotional tatsächlich getragener Motivstruktur so aufschlussreich. Denn genau dort wird oft sichtbar, warum bestimmte Ziele zwar vernünftig klingen, aber innerlich keine Zugkraft entwickeln. Und umgekehrt wird erkennbar, welche Richtungen, Arbeitsweisen und Lebensformen emotional wirklich anschlussfähig sind. Das ist in der Beratung häufig ein entscheidender Schritt, um nicht nur kluge Ziele zu formulieren, sondern auch tragfähige.
Passung systematisch prüfen
Viele Erwachsene suchen die Ursache ausschließlich in sich selbst und übersehen, dass das Umfeld schlicht nicht passt. Gerade bei hoher Begabung und hoher Sensibilität kann ein unpassendes Setting Leistung massiv blockieren. Wenn dir zu viel Fremdsteuerung begegnet, zu wenig Sinn, zu wenig Komplexität oder zu viel Reizlast, dann ist es nicht überraschend, wenn du aussteigst, aufschiebst oder innerlich zumachst.
Das bedeutet nicht, dass du niemals Frustration aushalten solltest oder nur noch das machen darfst, was sich leicht anfühlt. Es bedeutet aber, dass du Umweltfaktoren ernst nehmen solltest. Frag dich, in welchen Kontexten du klarer wirst, schneller denkst, stabiler umsetzt und weniger inneren Widerstand spürst. Oft sind das keine Zufälle, sondern Hinweise auf gute Passung.
Wenn du diese Muster erkennst, kannst du bewusster Entscheidungen treffen und aufhören, dich ständig in Umfelder hineinzuzwingen, in denen deine Fähigkeiten systematisch schlechter abrufbar sind.
Perfektionismus funktional verstehen
Perfektionismus ist in der Hochbegabtenliteratur und in Communities ein sehr häufig diskutiertes Thema. Perfektionismus kann einerseits beflügeln, andererseits aber dafür sorgen, dass du mit diesen Flügeln gar nicht erst abhebst. Es könnte schließlich etwas schief gehen.
Hochbegabte sind möglicherweise manchmal besonders betroffen, weil sie oft ein so unfassbar gutes Bild vom Idealzustand im Kopf haben. Das treibt an und frustriert gleichzeitig. Und genau darin liegt die besondere Dynamik: Wenn dein inneres Modell so scharf ist, dass du das ideale Ergebnis schon sehr klar vor dir siehst, fühlt sich alles, was realistisch produzierbar ist, erst einmal wie ein Kompromiss an. Das kann dich enorm antreiben und gleichzeitig ausbremsen. Du weißt, wie gut es werden könnte, aber der Weg dorthin enthält zwangsläufig Phasen, in denen es noch roh, unfertig und schlicht nicht auf deinem Niveau ist. Wenn sich genau diese Zwischenstufen innerlich wie Gefahr anfühlen, wird Tun teuer und Aufschieben erscheint plötzlich logisch.
Perfektionismus ist dann nicht einfach der Wunsch, gute Arbeit zu machen. Er wird zu einer Schutzstrategie. Er schützt vor dem Moment, in dem etwas sichtbar wird und damit bewertet werden kann. Er schützt vor Kontrollverlust, weil ein veröffentlichtes Ergebnis nicht mehr in deiner Hand liegt. Er schützt vor dem Gefühl, dich selbst zu verraten, wenn es nicht dem entspricht, was du als stimmig und sinnvoll empfindest. Und er schützt manchmal auch vor sozialen Konsequenzen wie Kritik, Missverständnissen oder Neid. Das ist keine Schwäche, sondern eine nachvollziehbare innere Logik, die kurzfristig Sicherheit erzeugt und langfristig Beweglichkeit kostet.
Bei Hochbegabten kommt häufig eine zusätzliche Spannung dazu: die Geschwindigkeit des Denkens. Eine Idee lässt sich im Kopf in Sekunden in sehr guten Versionen durchspielen, mit eleganter Struktur, starken Formulierungen und sauberer Logik. Das erzeugt eine Erwartung, die das reale Produzieren zunächst nicht erfüllen kann, weil die Realität erstmal vergleichsweise unzulänglich ist. Schreiben, Lernen, Üben, Gestalten beginnt selten glänzend. Es wird besser, weil man es macht. Wenn dein Nervensystem die erste Version aber schon als peinlich oder als nicht zu dir passend markiert, wird es schwer, überhaupt in den Prozess einzusteigen.
Deshalb hilft es, Perfektionismus weniger als Persönlichkeitsmerkmal zu betrachten und mehr als Regulationsstrategie. Er reduziert kurzfristig Unsicherheit und Schamrisiko, aber er erhöht oft Druck, Selbstzweifel und Stagnation. Ein wirksamer Schritt ist, den inneren Maßstab zu verändern. Nicht mehr die Frage, ob es perfekt ist, sondern ob es klar genug ist, um verstanden zu werden, wahr genug, um dich zu vertreten, und fertig genug, um Wirkung zu entfalten. Das ist kein Absenken von Anspruch, sondern eine professionelle Fähigkeit: mit Unvollkommenheit so zu arbeiten, dass Qualität entstehen kann.
Viele Hochbegabte unterschätzen außerdem, wie stark ihr „noch nicht perfekt“ auf andere schon wirkt. Nicht, weil andere schlechter wären, sondern weil das eigene Referenzsystem oft an Ausnahmequalität kalibriert ist. Dann fühlt sich das Normale wie ein Mangel an, obwohl es objektiv längst gut ist. Perfektionismus wird in diesem Sinne nicht nur zum Motor, sondern auch zum Bremsklotz, weil er das Gefühl vermittelt, man dürfe erst losgehen, wenn das Ziel schon erreicht ist.
Erfolg neu definieren
Viele Erwachsene im Underachievement bewerten fast ausschließlich harte Ergebnisse wie Abschlüsse, Einkommen, Status oder sichtbaren Output. Dadurch werden wichtige Entwicklungsschritte leicht übersehen. Wenn du zum Beispiel weniger vermeidest, klarere Grenzen setzt, besser mit Stress umgehst oder dir realistischere Ziele setzt, dann sind das echte Fortschritte.
Wenn du sie nicht als Fortschritte anerkennst, bleibt innerlich schnell das alte Gefühl bestehen, dass sich nichts verändert. Das ist nicht nur unfair dir selbst gegenüber, sondern auch demotivierend. Eine realistische Erfolgsperspektive heißt nicht, dass Ergebnisse unwichtig werden. Sie bedeutet nur, dass du die Zwischenschritte sichtbar machst, aus denen stabile Ergebnisse überhaupt erst entstehen.
Oft wächst genau dort wieder Selbstvertrauen, nicht durch den großen Durchbruch, sondern durch die Erfahrung, dass du dich verlässlich entwickeln kannst.
Unterstützung nutzen, bevor es eskaliert
Externe Unterstützung ist oft viel sinnvoller, als viele denken. Viele holen sich erst Hilfe, wenn der Leidensdruck sehr hoch ist. Dabei kann Begleitung schon deutlich früher nützlich sein, gerade wenn du merkst, dass du dich im Kreis drehst.
Eine gute Unterstützung kann dir helfen, deine Motivstruktur zu klären, Blockaden zu verstehen, Selbstwertthemen zu bearbeiten, passende Arbeitsstrategien zu entwickeln und alte Leistungsnarrative zu hinterfragen. Wichtig ist, dass die Unterstützung wirklich zu dir passt und nicht nur noch mehr Druck erzeugt.
Wenn die Passung stimmt, kann professionelle Begleitung den Prozess deutlich erleichtern. Es geht dabei nicht darum, dass jemand dir sagt, wie du leben sollst. Es geht darum, gemeinsam klarer zu sehen, was bei dir wirkt und was nicht.
Ein realistischer und würdevoller Blick auf Underachievement
Underachievement im Erwachsenenalter ist oft ein Thema von Selbstverständnis, Selbststeuerung und Passung und nicht nur von Leistung. Du musst dich dafür weder pathologisieren noch romantisieren. In dir steckt sehr wahrscheinlich reales Potenzial und zugleich gibt es gute Gründe, warum dieses Potenzial sich bisher nicht stabil in Leistung übersetzt hat.
Diese Gründe sind in vielen Fällen verstehbar und veränderbar. Genau dort liegt der wichtigste Hebel. Nicht im härteren Druck, sondern in einem präziseren Verständnis von dir selbst und in einem Alltag, der deine Fähigkeiten nicht ständig gegen dich arbeiten lässt.
Wie ich dich dabei unterstützen kann
Ich wünsche dir alles Gute!
Lisa-Marie Diel
Psychologische Beraterin für Hochsensibilität und Hochbegabung
PSI-Kompetenzberaterin | Persönlichkeitsorientierte Beraterin (IMPART, Osnabrück)
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